Von kleinen und großen Pannen

19. Juli 2007

Vor einigen Jahren kam es im Block 7 des Kohlekraftwerks Heilbronn zu einem Kurzschluss im Haupttransformator. Durch die freiwerdende Energie wurde der viele Tonnen schwere Deckel des Transformators hochgehoben, die Stahlwand des Trafohauses aus der Verankerung gerissen, und das Kühlmittel des Transformators fing an zu brennen. Dieses Ereignis hatte eine Schnellabschaltung des Kraftwerks, einen Feuerwehreinsatz und einen Bericht im Regionalteil der Heilbronner Stimme zur Folge.

Bei einer Werksführung wenige Monate später wurde uns offen und ausführlich erklärt, welche Sicherheitseinrichtungen vorgesehen und notwendig sind, damit ein solcher Vorfall keine schwerwiegenden Folgen hat. Der defekte Transformator muss sofort vom Strom-Verbundnetz getrennt werden, um Stromausfälle zu verhindern. Außerdem muss er sofort vom Generator getrennt werden, damit die außergewöhnlichen Kräfte, die durch den hohen Kurzschlussstrom im Generator entstehen, diesen nicht beschädigen. Damit fällt aber für die immer noch unter Dampf stehende und mit 3000 U/min rotierende Turbine die Last weg. Damit diese nicht auf unzulässige Drehzahlen beschleunigt und als Folge durch die hohen Fliehkräfte zerstört wird, muss die Dampfzufuhr sofort abgestellt werden. Der Dampf strömt dann über Sicherheitsventile ins Freie. Dabei muss der Kessel noch so lange mit Speisewasser versorgt werden, bis die Kohlenstaubbrenner abgeschaltet haben und somit keine Wärme mehr erzeugt wird. Alle diese Sicherheitsmaßnahmen haben bei dem Heilbronner Störfall seinerzeit perfekt funktioniert.

Jeder weiß, dass es überall da, wo Strom fließt, auch zu einem Kurzschluss kommen kann. Zu Hause sieht man vielleicht einen kleinen Funken und hört einen leisen Knall, dann hat der Sicherungsautomat längst den Stromkreis getrennt und weitere Schäden verhindert. Natürlich nimmt sich so ein Ereignis bei einem Großkraftwerk mit 700.000 kW Leistung weitaus dramatischer aus als bei einer 16-Ampere-Haushaltssicherung mit 3,7 kW Nennleistung. Dennoch gehört die Beherrschung eines Kurzschlusses hier wie dort zu den Standardaufgaben bei Konstruktion und Betrieb elektrischer Anlagen. Der Feuerwehreinsatz beim 700.000-kW-Kurzschluss ist dabei genauso eine normale, erwartete Folgehandlung wie das Wiedereinschalten der Sicherung beim 3,7-kW-Kurzschluss.

Kürzlich kam es im Kernkraftwerk Krümmel zu einem Störfall, der dem seinerzeit in Heilbronn recht ähnlich war. Natürlich bestehen erhebliche technische Unterschiede zwischen einem Kern- und einem Kohlekraftwerk, die Wirkungskette beim Ausfall des Haupttransformators ist aber im wesentlichen die gleiche. Der Hauptunterschied besteht meiner Meinung nach darin, dass es ein derartiger Störfall in einem Kernkraftwerk in die Hauptnachrichten der Tagesschau schafft.

In der Folge ist es anscheinend in Krümmel zu Missverständnissen beim Kraftwerkspersonal und ein oder zwei eher harmlosen Fehlbedienungen gekommen. Das ist unschön und muss ohne Zweifel untersucht werden. Das ist aber nicht unverständlich, immerhin kommt ein Ausfall des Haupttransformators nicht alle Tage vor. (Vermutlich war es für alle unmittelbar Beteiligten das erste Mal.) Das Problem liegt im Wort „anscheinend“. Von den Betreiben einer Kernenergie-Anlage wird zurecht ein besonderes Maß an Vertrauenswürdigkeit erwartet. Das Zurückhalten von Informationen zerstört Vertrauen stärker und nachhaltiger als Rauchwolken und Feuerwehreinsätze. Und wenn die zuständige Aufsichtsbehörde einen Durchsuchungsbefehl braucht, um an ihrer Meinung nach wichtige Informationen zu kommen, ist so etwas wie der Informationspolitische GAU längst erreicht. Auch wenn man beim ursprünglichen Störfall vom technischen GAU meilenweit entfernt war.

Der Ausfall des Haupttransformators ist in einem Kernkraftwerk – bei aller Dramatik der Bilder – eine vergleichsweise kleine Panne. Der Ausfall jeder vernünftigen Informationspolitik seitens des Betreibers einer so sensiblen Anlage ist eine richtig große Panne. Von der Führungsebene eines Kraftwerksbetreibers würde ich erwarten, zwischen kleinen und großen Pannen unterscheiden zu können.

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