Kausalität und Logik

4. August 2007

Viele Verständnisprobleme beruhen darauf, dass allgemeingültige Prinzipien vielleicht doch nicht so allgemeingültig sind, wie man angenommen hat. An sich logische Überlegungen können ganz grauenhaft in die Irre führen, wenn schon die Grundlagen nicht stimmen. Wir tun sicher gut daran, gelegentlich an den Fundamenten unseres Denkens zu rütteln, um zu sehen, ob sich irgendwo Risse bilden.

Ein oft für allgemeingültig gehaltenes Prinzip ist die Kausalität. Es geht dabei um den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung, genauer um die Feststellung, dass die Ursache immer vor der Wirkung kommt, und es somit keine Wirkung ohne Ursache gibt. Dieses Prinzip ist die Grundlage aller Naturwissenschaft und hat sich als solches, wie auch die Naturwissenschaft selbst, aufs Beste bewährt.

Versucht man aber, das Kausalitätsprinzip absolut zu setzen, führt das fast zwangsläufig in die Sackgasse des Determinismus und in die Leugnung grundsätzlicher gesellschaftlicher Werte wie die Verantwortung für das eigene Handeln. Eine halbwegs praxistaugliche Ethik ist nicht möglich, solange man davon ausgeht, dass alle Vorgänge kausal sind.

Mit anderen Worten: Es ist notwendig, nach den Grenzen der Kausalität zu suchen. Eine dieser Grenzen ist die Entscheidung. Wir Menschen sind intuitiv der Meinung, dass unsere Handlungen nicht die unvermeidliche Wirkung von irgendwelchen Ursachen sind, sondern dass wir einen gewissen Einfluss auf unser Handeln jenseits der starren Regeln der Kausalität haben. Die Bindung in der Kausalität mag überwiegen, ein gewisser Freiraum für Entscheidungen ist aber zweifellos vorhanden.

Dieser Freiraum darf aber nicht mit Beliebigkeit verwechselt werden. Entscheidungen werden nicht im luftleeren Raum getroffen, sondern basieren auf Überzeugungen und auf Werten, positive wie negative. Und sie berücksichtigen auch die möglichen Folgen. Mit jeder Entscheidung werden neue Ursachen in das Universum der Kausalität eingespeist, die eine Fülle von Wirkungsketten zur Folge haben können.

Wenn wir als Menschen schon teilweise aus dem Diktat der Kausalität ausgenommen sind, liegt es doch nahe, dies für Gott absolut anzunehmen. Es ist doch kaum vorstellbar, dass der Schöpfer des Universums Gefangener seiner eigenen Schöpfung ist. Nein, bei Gott ist nichts Wirkung, sondern alles Entscheidung. Die vollständige Freiheit von Kausalität ist das, was man wohl gemeinhin „Allmacht“ nennt.

Gott ist frei von kausalen Bindungen, seine Entscheidungen sind immer freiwillig, aber nie beliebig, genauso wie Gott selbst nie beliebig ist. Die Bibel spricht von einem Gott mit ganz bestimmten Eigenschaften, einem redenden, eingreifenden, eifernden Gott. Kurz, einem wiedererkennbaren Gott. (Übrigens wäre ein Gott ohne Eigenschaften ein logisches Unding, weil er von seiner Nichtexistenz nicht mehr unterscheidbar wäre.) Wenn z. B. die Rede davon ist, das Gott nicht lügen kann, dann ist damit nicht gemeint, dass er durch kausale Zusammenhänge daran gehindert wird, sondern dass die Lüge nicht seinem Wesen entspricht, und er sich deshalb nie dafür entscheiden wird zu lügen.

Nehmen wir uns einmal den Begriff Gerechtigkeit vor, unzweifelhaft eine Eigenschaft, die Gott zugesprochen wird und auch unter Menschen ein erstrebenswertes Ziel ist. Dabei ist uns besonders wichtig, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben. Nicht nur, dass die unvermeidlichen Ungleichheiten ohnehin schon groß genug sind, durch die menschliche Neigung zu Egoismus und Vetternwirtschaft besteht die Tendenz, diese Ungleichheit noch zu vergrößern, so dass der Wert der Gerechtigkeit gerade im Sinne von gleichem Recht für alle bewusst dagegen gesetzt werden muss. Im Strafrecht beispielsweise wird versucht, Gleichbehandlung umzusetzen. Das Steuerrecht hat sogar den Anspruch, Ungleichheiten teilweise auszugleichen.

Für Gott gibt es eigentlich keine unvermeidlichen Ungleichheiten. Da er nicht an die Kausalität gebunden ist, könnte er allen Ungleichheiten ein Ende setzen. Die Frage ist nur, ob das erstrebenswert ist. Wenn absolute Gleichbehandlung oberstes Ziel göttlicher Gerechtigkeit wäre, könnte es keine Unterschiede mehr zwischen den Menschen geben, nicht einmal eine Unterscheidung in Mann und Frau wäre dann noch möglich. Wir wären alle ununterscheidbare Klone ein und derselben Idee. Eine Horrorvorstellung. Glücklicherweise hat Gott sich anders entschieden. Er hat die Menschen in einer großen Vielfalt, mit unterschiedlichen Begabungen, Chancen und Möglichkeiten erschaffen. Nach den Maßstäben, mit denen unter Menschen Gerechtigkeit beurteilt wird, ist das ungerecht.

Wenn wir also menschliche Maßstäbe von Gerechtigkeit auf Gott anwenden, kommen wir zu unsinnigen Ergebnissen. Der Gerechtigkeitsbegriff muss für einen nicht an Kausalität gebundenen Gott anders gefasst werden als für uns Menschen. Gott hat nunmal zu den Menschen eine andere Stellung als die Menschen untereinander. Natürlich muss dabei auch die Gleichbehandlung aller Menschen eine wichtige Rolle spielen, sonst würde es sich nicht mehr um Gerechtigkeit handeln. Aber die Annahme, dass jede Ungleichbehandlung ungerecht sei, lässt sich nicht halten. Wo ist also die Grenze? Ist zum Beispiel die besondere Behandlung eines einzelnen, auserwählten Volkes noch durch erwünschte Vielfalt und göttliche Entscheidungsfreiheit abgedeckt, oder schon ungerecht? Wie soll man darauf eine Antwort finden?

„Du sollst Dir kein Bildnis machen“, spricht Gott. Und dabei spielt es keine Rolle, ob das Bildnis aus Stein, Metall oder menschlichen Begrenzungen besteht. Bei dem Versuch, menschliche Maßstäbe auf Gott anzuwenden, muss man versuchen, ein kaum durchschaubares Dickicht an menschlichen Begrenzungen, die auf Gott nicht anwendbar sind, hinter sich zu lassen. Schon mancher hat sich in diesem Dickicht verstrickt und nicht wieder herausgefunden. Natürlich ist es interessant und wichtig, sich auch mit den Mitteln der Logik mit dem Wesen Gottes auseinanderzusetzen. Aber diesen Mitteln sind Grenzen gesetzt. Und im Zweifelsfall hat sich schlichtes Vertrauen gegenüber zweifelndem Nachbohren immer als der erfolgreichere Lebensstil herausgestellt.

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11 Antworten to “Kausalität und Logik”

  1. alvanx Says:

    Amen!
    Sehr schön erklärt.

    Noch fehlend, obgleich Stoff für einen weiteren Artikel, ist Gottes tatsächliche Gleichbehandlung. Gott behandelt alle Menschen gleich, jawohl. Obwohl er manche in der Welt besser, manche schlechter ausgestattet hat.
    Gottes Ausdruck der Gleichbehandlung und Beweis seiner Gerechtigkeit ist seine Liebe. Für Gott ist überhaupt nicht entscheidend, wie lange eines seiner Geschöpfe lebt, wie intelligent es ist oder wie stark sein Körper, oder welche Chancen es im Leben hatte. Das sind nur Umstände, die jetzt in unserer Situation von entscheidender Wichtigkeit erscheinen mögen, es aber nicht sind. Nicht am Ende.
    Daran zeigt sich Gottes Vielfalt und vollkommene Allmacht, dass er die Menschen unterschiedlich erschaffen und situiert hat – und dennoch alle gleichberechtigt sind. Gott liebt jeden einzelnen Menschen gleich – den auf einem Floß vor den Fluten flüchtenden, bettelarmen Paschtunen in Bangladesch ebenso wie den reichen Mann aus dem Westen, der sich gerade wieder etwas Kokain gönnt. Am Ende entscheidend ist nämlich nur, ob man sich für oder gegen Gottes Liebe entschieden hat. Darin äußert sich Gottes Gleichbehandlung, indem er alle gleichberechtigt – denn eine Entscheidung treffen muss und trifft jeder, und jeder wird dabei von Gott vor die gleiche Situation gestellt (das ist nicht offensichtlich oder mit direkter Logik anzugehen, aber aus der Bibel ersichtlich). Gottes Liebe ist für alle da und für alle gleich, er ruft jeden zu sich. Das ist Gottes Gerechtigkeit – seine Liebe.

    Die gleich bedingte Freiheit der Entscheidung wäre allerdings ein eigenes Thema für einen Artikel… vielleicht im Vergleich zur Determination…

  2. Leyki Says:

    „Gott ist frei von kausalen Bindungen, seine Entscheidungen sind immer freiwillig, aber nie beliebig, genauso wie Gott selbst nie beliebig ist.“ – Du machst hier, wie bereits weiter oben bereits beim Menschen, den Fehler, dass du kausale Bindungen rein „außerhalb“ des Handelnden siehst, als Reize und direkte physische Einwirkung. Der weitaus entscheidendere Teil beim Handeln eines vernunftbegabten Wesens liegt allerdings _in_ ihm, als Charakter, Motivation und Moral, kurz als Wille. Ohne diesen Willen wäre eine Entscheidung, wie du sagst, beliebig, sprich absolut zufällig. Eine solche Entscheidung ist aber noch nicht einmal wirklich vorstellbar. Und selbst wenn sie denkbar wäre, bleibt die Frage offen, ob absoluter Zufall eine bessere Grundlage für unsere Ethik ist, als Determination.

  3. wesenderdinge Says:

    Ich bestreite ja gar nicht, dass es einen höchst wichtigen Zusammenhang zwischen Charakter, Motivation und Moral auf der einen Seite und den Handlungen vernunftbegabter Wesen auf der anderen Seite gibt. Ich bestreite nur, dass dieser Zusammenhang kausaler Natur ist. Kausalität heißt, es besteht zwischen Ursache(n) und Wirkung(en) eine funktionale Einheit, die nicht aufgelöst werden kann. Eine solche funktionale Einheit zwischen der Moral und den Handlungen eines Menschen zu sehen, würde den Begriff Moral an sich ad absurdum führen. Wenn der Begriff Moral auch nur irgend eine Bedeutung haben soll, darf der Zusammenhang zwischen Moral und Handeln, der zweifellos besteht, weder kausal noch zufällig sein. Das ist genau meine These. Dass ich diesen Zusammenhang „Entscheidung“ genannt habe, ist lediglich eine Arbeitsdefinition. Wenn diese Dich stört, ersetze „Entscheidung“ durch „Wille“, dadurch wird sich meine These nicht wesentlich verändern.

    Übrigens beschränke ich kausale Zusammenhänge nicht auf äußere Einflüsse. Aus meiner Seelsorge-Erfahrung weiß ich, dass die kausalen Zusammenhänge innerhalb der menschlichen Psyche viel zu oft ignoriert werden.

  4. Leyki Says:

    Weder kausal noch zufällig? Was soll das sein?

    Die menschliche Psyche hat also bei einer Entscheidung (lassen wir den Begriff einfach einmal so stehen, ich denke er ist für unsere Zwecke ausreichend) den selben Stellenwert wie ein physisches Hindernis, bzw. eine physische „Freiheit“, also das Fehlen eines solchen Hindernisses. Sprich, die Handlungsfreiheit wird einerseits durch physische, andererseits durch psychische Faktoren eingeschränkt. Aber was bleibt denn dann noch übrig, wodurch sich Handlungsfreiheit begründen ließe?
    Bei Gott würden die physischen Hindernisse wegfallen, die „psychischen“ würden allerdings bestehen bleiben, auch wenn wir nicht von der „Psyche Gottes“ reden. Jedoch muss Gott eine Art Charakter haben, um überhaupt vorstellbar zu sein, ansonsten wäre er eine existentia ohne essentia, etwas das nur _ist_, dabei aber _nichts_ ist. Diese Annahme setzt natürlich wieder Kausalität voraus, die du in Bezug auf Gott ja bestreitest. Welchen Sinn hat dann aber eine Diskussion über Allmacht und die Freiheit Gottes, wenn das alles jenseits der Kausalität liegt? Jede solche Aussage ist doch Phantasieren und baut rein auf Begriffen auf, von denen kein Mensch auch nur den Hauch einer Vorstellung hat!

  5. wesenderdinge Says:

    Ich glaube, ich habe immer noch nicht ganz begriffen, worauf Du hinaus willst. Entweder es gibt nur Kausalität (und meinetwegen noch Zufall), dann gibt es keinen freien Willen und damit auch keine moralische Verantwortung für das eigene Handeln. Oder so etwas wie ein freier Wille existiert tatsächlich, dann ist er weder die unabänderliche Folge kausaler Zusammenhänge noch zufällig, sondern irgend etwas drittes.

    Übrigens ist der freie Wille keine Phantasterei, sondern Teil des intuitiven Selbstverständnisses jedes gesunden Menschen. Das heißt natürlich nicht zwangsläufig, dass dieses Selbstverständnis zutreffend ist, aber jeder Mensch hat doch wohl eine ganz brauchbare Vorstellung dessen, was freier Wille ist!

    Kausalität ist auch nicht mehr als ein von Menschen entwickeltes Erklärungsmodell für eine Erfahrungstatsache. Als naturwissenschaftlich gebildeter Mensch weiß ich, dass alle Modelle in ihrer Gültigkeit begrenzt sind, und dass der Versuch, ein Modell über die Grenzen seiner Gültigkeit hinaus anzuwenden, zu Unsinn führt. Ich frage mich, warum so viele Menschen versuchen, dem Modell der Kausalität eine universelle Gültigkeit aufzupropfen, wo doch das Ergebnis offensichtlich Unsinn ist.

  6. alvanx Says:

    Jetzt beginne ich endlich zu verstehen, was der Kunz sagen will. Bei einem Menschen gibt es bestimmte Ventile, die den „freien Willen“ lenken. Das bedeutet also, dass Menschen selbst außerhalb ihrer Umwelt einer psychischen Kausalität unterworfen sind. Diese intrinsische Kausalität ist der Charakter oder der Wille. Meinst du also, der Mensch sei trotz allem einer Determination unterworfen, weil er letztendlich doch vollständig in einer Kausalität des Willens aufgeht, deren Komponenten und Faktoren bloß nicht aufgedeckt werden können, sodass sie praktisch unvorhersehbar ist?
    Ich glaube nicht, dass das beim Menschen die ganze Wahrheit ist. Eine freie Willensentscheidung kann, muss aber keiner Kausalität unterliegen und ist damit von ihr frei. Ein Mensch hat immer die Wahl zwischen Alternativen und wird vermutlich wählen, was für ihn am besten ist oder ihm so erscheint. Wenn das bindend wäre, wäre er der Kausalität unterworfen. Er kann sich aber etwa auch dafür entscheiden, aus bestimmten Überzeugungen das Wohl anderer dem eigenen vorzuziehen. Das nenne ich einen freien Willen.

    Beim Vergleich zu Gott zeigt sich, dass Gott von jeder Art von Bestimmung frei ist, einfach weil er Gott ist und das Modell und das Vorstellbare sprengt. Natürlich hat Gott auch einen Willen, dessen Kausalitäten er folgt, weil Gott einen Charakter hat. Gottes Charakter ist durch seine Rolle als personifizierte Liebe und somit auch als das Gute in Person festgelegt. Dadurch wird natürlich sein Wille definiert und seine Handlungen gesteuert.
    Aber nur weil Gott ein Wesen hat, heißt das noch nicht, dass er einer Kausalität folgen muss – obwohl er ein Wesen hat. Weil er Gott ist. Ich glaube, das lässt sich mit philosophischen Denkansätzen nicht mehr erfassen…

    Ich muss aber zugeben, ich habe nicht begriffen, was du mit der Psyche als „Hindernis“ und „Freiheit“ meintest. Kannst du das erklären?
    Und korrigier mich, falls ich dich falsch verstanden habe. Ich rede auf der Grundlage meines Wissens und meiner Erkenntnisse mit, die leider nicht sehr tief in die Fachlichkeit der Philosophie hineinreichen – wobei ich bezweifle, dass das grundsätzlich zwingend notwendig wäre, um das Thema zu begreifen oder zu diskutieren, was der Grund dafür ist, dass ich mich überhaupt beteilige.

  7. Leyki Says:

    Kausalität ist doch etwas mehr, als ein vom Menschen entwickeltes Modell. Kausalität und ihre beiden Komponenten Raum und Zeit sind die drei „Mittel“ (mir fällt gerade kein besseres Wort ein) mit denen wir überhaupt erst _erkennen_ können. Sie sind nicht wegzudenken, sie sind die Essenz unseres ganzen Denkens. Es ist schlicht nicht möglich sich vorzustellen, dass es keinen Raum gibt, keine Zeit oder das etwas ohne Ursache existiert. Das sind genau die Grenzen unseres Denkens, an denen du, wie du in deinem Text schreibst, rütteln willst.
    Dieses Rütteln ist auch völlig legitim, allerdings begeben wir uns dann auf eine Ebene, wo sich jede Diskussion eigentlich erübrigt, weil sie jenseits der Möglichkeiten unserer Erkenntnisfähigkeit liegt. Das zeigt sich ja schon an deiner Wortwahl: „sondern irgend etwas drittes“. Dir fehlen, ebenso wie mir, die Begriffe um eine Willensfreiheit zu begründen. Wir können eben nur in den Grenzen der Kausalität überhaupt Aussagen treffen. Und wenn wir innerhalb dieser Grenzen gründlich nachforschen kommen wir zu dem Schluss, dass jede Handlung letztendlich determiniert ist.

    Was sagt uns denn unser Selbstverständnis über unsere Willensfreiheit? Es sagt, dass wir tun können, was wir wollen. Aber wir können nun einmal nicht wollen, was wir wollen. „Ich kann tun, was ich will“ ist alles andere als eine brauchbare Vorstellung…

    Zur moralischen Verantwortung und zum Kommentar von alvanx werde ich morgen noch etwas schreiben, es ist schon spät…

  8. wesenderdinge Says:

    Raum und Zeit. Gutes Beispiel! Ist Dir eigentlich klar, dass es zur Zeit keine geschlossene und in sich widerspruchsfreie Vorstellung dessen gibt, was Raum und Zeit ist?

    In der Newton’schen Mechanik gibt es drei Raumdimensionen und eine davon getrennte Zeitdimension. In der Thermodynamik bekommt die Zeitdimension eine Richtung, die sie in der Mechanik nicht hat. In der speziellen Relativitätstheorie können Raum und Zeit nicht mehr unabhängig voneinander betrachtet werden, es gibt keine absolute Zeit, man spricht von einer vierdimensionalen Raumzeit. In der allgemeinen Relativitätstheorie kommt eine gekrümmte vierte Raumdimension dazu, wir sind also bei der fünfdimensionalen Raumzeit. Viele Physiker gehen heute von der Existenz einer unbekannten Anzahl von stark gekrümmten zusätzlichen Raumdimensionen aus. In der Quantenmechanik sind Raum und Zeit durch die Unschärferelation verknüpft und nicht mehr exakt bestimmbar. Zusätzlich gibt es Hinweise auf Informationsübertragung mit Überlichtgeschwindigkeit, was der Relativitätstheorie entspricht.

    Wenn Du von den „beiden Komponenten Raum und Zeit“ redest, bedienst Du Dich eines Modells von Raum und Zeit, dass seit etwa hundert Jahren veraltet ist, und bezeichnest als „die Essenz unseres ganzen Denkens“. Solange Du Dich innerhalb der Grenzen dieses Modells bewegst, verwendest Du dieses Modells zurecht. Es kann gut sein, dass Du Dein ganzes Leben lang mit Newton’scher Mechanik und Thermodynamik auskommst. Du darfst aber nicht den Fehler machen, Dein Modell mit der Wirklichkeit zu verwechseln.

    Ich behaupte ja nicht, dass es keine Kausalität gibt, ich behaupte nur, dass Dein Modell von Kausalität nicht ganz der Wirklichkeit entspricht. Du verwendest bei Raum und Zeit ein veraltetes Modell für ein Phänomen, dass noch kein Mensch vollständig verstanden hat. Kann es nicht bei der Kausalität ähnlich sein?

  9. Leyki Says:

    Ich habe mir fast gedacht, dass das kommt…
    Ich habe letztes Schuljahr an einem Wahlkurs für Relativitätstheorie teilgenommen, kann also zumindest mit den Grundlagen etwas anfangen. Und mir ist klar, dass die Erkenntnisse aus der Relativitätstheorie Kants Modell (Kant hat das nämlich „erfunden“, nur so nebenbei) unserer Erkenntnisfähigkeit scheinbar über den Haufen wirft. Scheinbar. Denn eine fünfdimensionale Raumzeit kann vielleicht mathematisch bzw. aus bestimmten Beobachtungen heraus zwingend sein, allerdings ist sie in keiner Weise vorstellbar. Einen Würfel kann ich mir zu jeder Zeit in meinen Gedanken vorstellen. Bei Raumkrümmung schaut das schon ganz anders aus, da muss ich auf ein Modell zurückgreifen, das vielleicht zweckmäßig ist, keinesfalls aber die Perfektion des vorgestellten Würfels erreicht. Es ist so als ob ich einen Würfel zweidimensional auf ein Blatt Papier zeichne. Das liegt schlicht und ergreifend daran, dass ich den Würfel dreidimensional erkenne und mein Denken mir, wenn ich ihn mir zurück ins Gedächtnis rufen will, drei Dimensionen bietet, um eben das zu tun. Will ich mir allerdings Raumkrümmung vorstellen, bin ich gezwungen mir ein dreidimensionales Modell vorzustellen. Dieses Modell lässt sich sogar noch ins zweidimensionale vereinfachen. Aber es bleibt ein Modell, nicht mehr. Unsere Vorstellung von relativistischer Physik werden nie die Klarheit erreichen, wie die von newtonscher, es geht über unsere Vorstellungskraft hinaus.
    Ist klar geworden was ich meine? Ich bezweifle gar nicht, dass es etwas jenseits der Grenze aus Raum, Zeit und Kausalität gibt, ich bin nur der Überzeugung, dass alles, was jenseits dieser Grenze liegt nicht mehr wirklich diskutierbar ist. In der Physik ist das noch möglich, weil wir ja im Grunde nur nach Modellen suchen, um bestimmte Beobachtungen erklären zu können. In der Philosophie und Theologie sieht es da aber ganz anders aus, dort sucht man ja wirklich nach absoluten Wahrheiten. Diese Wahrheiten müssen allerdings innerhalb der Grenzen unserer Erkenntnis gesucht werden, weil alles andere Phantasieren ist.
    Ich glaube wir sind uns bei der Sache nicht einmal so uneinig, wenn ich es genau betrachte.

    Zur moralischen Verantwortung: Ich sehe nicht ganz die Notwendigkeit für moralische Verantwortung einen freien Willen vorauszusetzen. Die Frage ist doch, vor wem ich mich verantworten muss. Entweder vor der Moral anderer, oder vor meinem eigenen Gewissen.
    Im ersten Fall wird verglichen inwiefern meine Handlung von dem abweicht, was bei „den anderen“ als moralisch gilt. Wenn ich zu meiner Verteidigung entgegenstehende Motive anführe, die mich zu einer Handlung bewogen haben (bspw. Angst, Aussicht auf eine gewisse Summe Geld), werden mir einige Verständnis entgegenbringen und zugeben, dass sie in einer solche Situation wohl ebenso gehandelt hätten. Moralischere Menschen werden mir hingegen vorwerfen, dass meine eigenen moralischen Überzeugungen keinen ausreichenden Raum in meinem Denken und Handeln einnehmen und werden mich deshalb verurteilen.
    Im zweiten Fall quält mich mein Gewissen nachdem ich eine Tat begangen habe. Dies kann der Fall sein, weil der erhoffte Effekt nicht eingetreten ist (bspw. Glück durch unrechtmäßig erworbenes Geld) oder weil uns weitere Folgen unseres Handelns bewusst geworden sind, die jetzt unseren Moralvorstellungen widersprechen.
    Wo genau ist hier freier Wille notwendig?

    Schließlich noch zu alvanx: Dem ersten Absatz kann ich so zustimmen.
    Zu sagen, der Mensch handelt immer so, wie es für ihn am besten ist, ist nur sehr oberflächlich betrachtet richtig. Das kann man auch bei den Tieren beobachten, Stichwort Beschützerinstinkt. Beim Menschen ist ist es natürlich etwas komplexer, wir haben ja unsere moralischen Vorstellungen, die sich oft nicht so leicht logisch begründen lassen, wie bei den Tieren (Überleben der eigenen Art).
    „Natürlich hat Gott auch einen Willen, dessen Kausalitäten er folgt“ – „Aber nur weil Gott ein Wesen hat, heißt das noch nicht, dass er einer Kausalität folgen muss.“ – Widerspruch.
    Eine Wand ist ein physisches Hindernis. Angst kann ein psychisches sein. Ein Weg ist eine physische Freiheit (Freiheit definiert sich als das Fehlen von Hindernissen). Mut ist eine psychische Freiheit. Der Weg macht es uns theoretisch (und nur theoretisch) möglich einige Schritte auf ihm zu laufen, Mut macht es uns möglich gegen einen Stärkeren zu kämpfen (Dieser Mut kann auch Übermut sein, was beweist, dass diese scheinbaren Freiheiten bspw. unseren Verstand einschränken, und uns somit unfrei machen).

  10. wesenderdinge Says:

    Du schreibst: „… dort sucht man ja wirklich nach absoluten Wahrheiten. Diese Wahrheiten müssen allerdings innerhalb der Grenzen unserer Erkenntnis gesucht werden“. Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Oder was machst Du, wenn eine absolute Wahrheit nicht innerhalb der Grenzen unserer Erkenntnis liegt? Ist es dann keine absolute Wahrheit mehr? Oder ignorierst Du sie einfach? Die Wirklichkeit kümmert sich doch nicht um menschliche Erkenntnisfähigkeit! Die beste Möglichkeit, sich absoluten Wahrheiten zu nähern, ist meiner Meinung nach über Modelle. Das gilt für Physik, Philosopie und Theologie!

    Gerade die Physik des 20. Jahrhunderts zeigt doch, dass gerade die Überwindung der Grenzen menschlicher Anschauung und Vorstellungskraft näher zur Wahrheit führt. Oder glaubst Du allen Ernstes, dass die Vorstellung von drei Raumdimensionen und einer absoluten Zeit mehr absolute Wahrheit enthält, als die Modelle der allgemeinen Relativitätstheorie?

    Um die Ausgangsfrage etwas zu konkretisieren: Ein Autofahrer wählt in einer bestimmten Verkehrssituation eine bestimmte Geschwindigkeit. Das Auto hat in dieser Situation im Falle einer Vollbremsung einen bestimmten Grenzweg. In einer vollständig kausalen Welt sind sowohl die Wahl der Geschwindigkeit als auch der Bremsweg des Autos Elemente hochkomplexer Kausalketten. Nach den Regeln der Kausalität gibt es zu jedem beliebigen Zeitpunkt in der Vergangenheit einen Satz von Ursachen, die in ihrer Gesamtheit sowohl die Wahl der Geschwindigkeit als auch den Bremsweg vollständig bestimmen. Dennoch sind wir der Meinung, dass sich die Wahl der Geschwindigkeit durch den Autofahrer moralisch beurteilen lässt, während sich der Bremsweg des Autos einer moralischen Beurteilung entzieht. Worin besteht der wesenshafte Unterschied zwischen beiden Wirkungen, die diese unterschiedliche Bewertung rechtfertigen?

  11. alvanx Says:

    „Ich bezweifle gar nicht, dass es etwas jenseits der Grenze aus Raum, Zeit und Kausalität gibt, ich bin nur der Überzeugung, dass alles, was jenseits dieser Grenze liegt nicht mehr wirklich diskutierbar ist.“
    Da empfehle ich, nochmal den letzten Absatz des Leitartikels zu lesen. Das ist meiner Meinung nach ziemlich genau der Schluss, zu dem Markus auch schon gekommen war. Du scheinst das auch schon bemerkt zu haben, als du schriebst, ihr beide wäret euch vielleicht gar nicht so uneinig. Ich vermute, du musstest nur erst auf deine Art an die Sache herangehen, um zu demselben Schluss zu kommen.

    Die Wahrheit innerhalb der menschlichen Grenzen zu suchen, ist nicht das Ziel der Philosophie. Das Ziel des nach Weisheit Strebenden ist es, die endgültige und ultimative Wahrheit herauszufinden. So hat etwa schon Sokrates, quasi der Urphilosoph, weit jenseits der Grenzen des menschlich Erfassbaren spekuliert, um dieses Ziel zu erreichen. Das Streben nach Wahrheit ist das Ziel des Philosophen – nicht das Streben nach der Wahrheit, die wir konkret erfahren oder stichfest beweisen können.
    Nun hattest du aber gerade schlüssig dargestellt, dass endgültige Wahrheit vom Menschen technisch nur innerhalb der Grenzen unserer Erkenntnis gefunden werden kann. Nun, unsere Denkrichtung zeigt auf, dass die absolute Wahrheit nicht innerhalb jener Schranken liegt, also außerhalb liegen muss. Daraus folgt, dass jedes Streben nach der ultimativen Wahrheit vergeblich ist, weil wir nie in der Lage sein werden, sie zu finden. Daraus folgt weiterhin, dass Gott jenseits unseres Vorstellungsvermögens und unserer Begrifflichkeiten liegen muss. Beides ist nicht neu und erstaunt mich keineswegs…

    In Bezug auf die moralische Verantwortung hast du mich in eine argumentative Ecke getrieben. Ich sehe nicht, wie ich dein Modell noch widerlegen kann. Das heißt wohlgemerkt aber nicht, dass du recht hast (was dennoch möglich ist) – das heißt nur, dass sich Falsch und Richtig in dieser Sache nicht beweisen lassen. Genauso wenig könntest du ja den Beweis erbringen, dass du richtig liegst, nur weil dein Modell für mich im Moment keine Lücken hat.
    Ich hatte mal mit Leif ein wenigstens drei Stunden langes Telefongespräch über Determination und darüber, ob uns, falls der Gott der Bibel existiert, überhaupt noch freie Entscheidungen möglich sind. Unser Ergebnis war 1., dass Gott, nur weil er weiß, was die Zukunft bringt, deshalb diese noch nicht beeinflusst haben muss, und 2., dass die Antwort auf diese Frage völlig irrelevant ist, weil wir die Zukunft nicht kennen und in jedem Fall die Verantwortung für unser Handeln selbst zu tragen haben. Selbst wenn also unsere Zukunft vorherbestimmt ist und wir nichts daran ändern können, müssen wir unsere Entscheidungen trotzdem noch selbst treffen. Niemand nimmt sie uns ab. Einen Cent für jeden, der erkennt, was ich zeigen will…

    Und wieder sind wir bei den Grenzen des Menschen angelangt.

    Zu deiner Behauptung, meine Argumentation sei widersprüchlich, fällt mir gerade ein Beispiel aus der Mathematik ein. Da gibt es im zweidimensionalen Raum die These, dass zwei Geraden sich früher oder später kreuzen müssen, falls sie nicht parallel zu einander liegen. Zwei Geraden, die nicht parallel zu einander liegen und sich nicht kreuzen, stellen einen Widerspruch dar.
    Überträgt man das Ganze in den dreidimensionalen Raum, ist dieser Widerspruch ganz plötzlich kein Widerspruch mehr.
    Entsprechend: Nur weil meine Behauptung im Bezug auf Menschen völlig widersprüchlich ist, heißt das noch nicht, dass das auf Gott auch zutrifft. Du denkst in zu kleinen Dimensionen. Du weigerst dich, den menschlichen Horizont zu verlassen und eine Expedition in die Weiten der Raum-, Zeit- und Kausalitätslosigkeit zu wagen. Und so komme ich zum dritten Mal zu dem Schluss, dass Gott jenseits unseres Begreifens liegt.

    Unsere einzigen Anhaltspunkte zur wirklichen Diskussion über Gott bietet die Bibel, weil sie wie das Tagebuch von jemandem ist, der diese Expedition gemacht hat, und damit unsere einzige Quelle darüber, wie es jenseits unseres Horizontes zugeht – sprich, über die Beschaffenheit Gottes.


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