Hilberts Hotel und die Erlösung

22. September 2007

Hotels haben üblicherweise die Eigenschaft, dass keine neuen Gäste mehr aufgenommen werden können, wenn alle Zimmer belegt sind. Nicht so in Hilberts Hotel. Dieser Traum aller Hotelmanager kann selbst dann noch Zimmer an neue Gäste vergeben, wenn bereits jedes Zimmer belegt ist. Es hat nämlich unendlich viele Zimmer. Der Trick funktioniert ganz einfach: Jeder Hotelgast zieht ein Zimmer weiter, Der Bewohner von Zimmer 1 zieht nach Zimmer 2, der Bewohner von Zimmer 2 nach Zimmer 3 und so weiter. Da das Hotel unendlich viele Zimmer hat, gibt es keinen Gast, der kein neues Zimmer findet. Zum Schluss sind wieder alle Zimmer belegt bis auf Zimmer 1, in das nun der neue Gast einziehen kann. Hilberts Hotel hat noch ein paar mehr Tricks auf Lager, die natürlich in der Wikipedia nachgelesen kann.

Der fiktive Beherbergungsbetrieb des Mathematikers David Hilbert zeigt unter anderem, wie schnell wir mit unserer Anschauung Schiffbruch erleiden, wenn wir den Bereich des Gewohnten ein wenig verlassen. Ein Hotel mit unendlich vielen Zimmern ist natürlich unmöglich, aber eigentlich kein wirklich komplizierter Gedanke. Und schon „geschehen“ Dinge, die völlig jenseits unserer Alltagserfahrung liegen.

Warum ich von Hilberts Hotel erzähle? Nun, weil viele Menschen — Christen und Nichtchristen — meinen, logische Widersprüche in der Bibel zu finden. Wie kann der eine Tod Jesu als Erlösung für die ganze Menschheit ausreichen? Warum spielen gute Werke eine Rolle, wenn der Glaube allein reicht? Wie kann der Mensch einen freien Willen haben, wenn Gott allmächtig ist?

Solche Fragen sind natürlich alle wichtig und berechtigt. Es gibt viele Fragen, auf die ich Antworten brauche, um wirklich Jesus nachfolgen zu können. Oft steht aber hinter derartigen Fragen weniger ein Problem der Nachfolge, als vielmehr ein Problem der Logik. Und meist handelt es sich dabei um eine Form von Alltags- und Amateurphilosophen-Logik, die zwar für den Alltag ganz angemessen sein mag, aber noch nicht mal für eine so einfache Fragestellung wie Hilberts Hotel ausreichen würde.

Wenn unser Alltagsdenken schon an einer einfachen mathematischen Unendlichkeit wie Hilberts Hotel scheitert, wie wird es uns dann ergehen, wenn wir über die Heilige Unendlichkeit Gottes nachdenken? Ich bin jetzt keineswegs dafür, mit dem Denken einfach aufzuhören, ganz im Gegenteil. Aber im Nachdenken über Gott müssen wir immer bereit sein, „to boldly go, where no man has gone before.“

Mit dieser Bereitschaft wir das Nachdenken über Gott zu einer höchst spannenden und faszinierenden Tätigkeit — solange wir nicht vergessen, dass das Reden mit Gott und das Vertrauen auf Gott die viel wichtigeren Tätigkeiten sind.

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2 Antworten to “Hilberts Hotel und die Erlösung”

  1. alvanx Says:

    Heute sprach der Lehrer in Systematic Theology ein relativ interessantes Thema an: Wenn Gott unveränderlich ist, wieso veränderte sich dann Jesus und wurde Mensch?
    Er erklärte seine Theorie: dass das von Anfang an Gottes Plan gewesen sei und Gott sich also nicht wirklich verändert habe. Zufriedenstellend fand ich das nicht. Meine These hat damit zu tun, dass Gott so weit außerhalb der Zeit steht, dass mein Gehirn explodiert, wenn ich zu lange darüber nachdenke.

    Man stelle sich die Zeit wie einen Zug vor und Gott wie den Passagier, der durch jede beliebige Tür einsteigen kann, egal ob weiter vorne oder hinten. Ähnlich stellt sich für Gott die Zeit dar. Es ist für ihn nicht wesentlich, wann er wo eingestiegen ist, er kann jederzeit wieder aussteigen und eine Tür weiter hinten nehmen. Genauso kam Jesus auf die Welt (ich hoffe, ich begehe gerade keine schwerwiegende Häresie): Er war am Anfang da und schuf alles. Er stieg in das Abteil mit der Aufschrift „jetzt“ ein, wurde Mensch, starb, stand von den Toten auf, fuhr in den Himmel auf, ist wieder dort – und gleichzeitig am Anfang der Welt und gleichzeitig am Ende der Welt.
    Die Frage, ob Jesus gleichzeitig auf der Erde und im Himmel war, traue ich mich nicht zu beantworten.

    Hab ich eine schlimme Häresie begangen? Gibt es Bibelstellen, die mich widerlegen?

  2. wesenderdinge Says:

    Es ist schwer, überhaupt etwas vernünftiges darüber zu sagen, wie Gott und das Phänomen Zeit zueinander stehen. Zumal im Grunde kein Mensch weiß, was Zeit überhaupt ist.

    Nach Einstein ist Zeit eine Eigenschaft der Materie und damit eine Eigenschaft der Schöpfung und nicht des Schöpfers. Daher finde ich Dein Modell gut, weil es schön zeigt, wie der Schöpfer zum Zweck der Offenbarung seiner selbst in die Schöpfung (und damit auch in die Zeit) sozusagen einsteigt.

    Gott ist in sich selbst widerspruchsfrei, aber letztlich absolut sui generis. Gottes Wesen ist größer als die Summe seiner Offenbarungen, schließt aber jede einzelne dieser Offenbarungen mit ein. Aus dieser Sicht ist mir auch die Erklärung Deines Lehrers sympathisch.

    Meiner Meinung nach sind beide Erklärungen Modelle, die — wie alle Modelle — eine gewisse, aber begrenzte Aussagekraft haben. Häresie wird es, wenn man solche Modelle absolut setzt.

    Den Gültigkeitsbereich der Modelle anhand der Bibel sauber abzugrenzen überlasse ich dem Theologiestudenten…


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