Wie die Rekorddiskussion bei meinem Lieblingsblogger zeigt: Die Frage nach Evolution und Schöpfung bewegt die Gemüter.

Die Auseinandersetzung wird von beiden Seiten zuweilen mit geradezu religiösem Eifer geführt. Denn nicht nur der Kreationist sieht seinen Glauben angegriffen, auch auf „evolutionistischer“ Seite sieht mancher Wissenschaftler nicht nur die Ergebnisse seiner wissenschaftlichen Arbeit sondern vielmehr die vermeintlich oder tatsächlich dieser Arbeit zu Grunde liegende Weltsicht in Frage gestellt. Grund genug für einen persönlichen Blick darauf, was Naturwissenschaft zu leisten in der Lage ist und was nicht.

Jede naturwissenschaftliche Tätigkeit geht von der Grundannahme aus, dass sich alle Vorgänge in der Natur nach den immer und überall gleichen einfachen und erkennbaren Regeln abspielen, so dass die Kenntnis dieser Regeln nachprüfbar zutreffende Vorhersagen ermöglicht. Das klingt trivial, weil jeder von uns täglich mit solchen Regeln und Vorhersagen umgeht. Der Erfolg, mit dem die Physik mittlerweile mehr oder minder die ganze Welt mit einigen wenigen Grundtheorien und -annahmen erklärt, ist jedoch höchst bemerkenswert.

Die Erfolgsgeschichte der Naturwissenschaften in den letzten Jahrhunderten ist zugleich eine Erfolgsgeschichte dieser Grundannahme. Im Gegensatz zu unseren Vorfahren sind wir es (mit Recht) gewohnt, bei allen Vorgängen und Ereignissen, die wir nicht verstehen, erst mal nach möglichen natürlichen Ursachen zu suchen, also nach Ursachen, die diesen allgemeingültigen Regeln genügen.

Da mag man gern einen Schritt weitergehen. Wieso sollte man nicht davon ausgehen, dass alles, ausnahmslos alles, was geschieht, solchen Regeln gehorcht? Wieso sollte man nicht aus einer so außerordentlich erfolgreichen Methode oder Denkweise eine Weltanschauung machen? Nun, es gibt aus naturwissenschaftlicher Sicht keinen Grund, es nicht zu tun. Aus einem methodischen Naturalismus („Ich gehe davon aus, dass alles allgemeingültigen Naturgesetzen gehorcht.“) wird ein philosophischer Naturalismus („Es gibt nichts, das nicht den Naturgesetzen gehorcht.“). Schön und gut.

Jetzt kommen aber dummerweise wir Christen und reden von einem Gott, der über den Naturgesetzen steht. Der philosophischer Naturalist muss natürlich hier widersprechen. Nach seiner Weltanschauung gibt es nichts, das über den Naturgesetzen steht, also auch keinen Gott. Da der philosophische Naturalismus aber aus dem methodischen Naturalismus erwächst, sieht der philosophische Naturalist nicht nur seine Weltanschauung, sondern auch gleich die Grundlagen naturwissenschaftlicher Arbeitsweise angegriffen.

Nun gibt es aber auch genügend ernsthafte, ehrliche und fachlich hervorragenden Naturwissenschaftler, die Christen sind. Offensichtlich sehen sie keinen Widerspruch zwischen einer naturalistischen Arbeitsweise und dem Glauben an einen Gott jenseits der Gültigkeit der Naturgesetze. Wie lassen sich diese scheinbaren Gegensätze vereinen?

Zunächst muss uns der Nachweis gelingen, dass der methodische Naturalismus nicht im Widerspruch zur Bibel steht, oder mit anderen Worten, dass die Bibel die Grundannahme stützt, dass es diese allgemeingültigen Regeln gibt, nach denen sich alles richtet.

Der erste Anschein spricht gegen diesen Nachweis, immerhin berichtet die Bibel von zahlreichen Ausnahmen zu diesen Regeln. Das ist aber nicht weiter verwunderlich, denn wenn es diese gottgewirkten Regelverstöße (Wunder) tatsächlich gibt, ist es geradezu die Aufgabe der Bibel als Wort Gottes, speziell darüber zu berichten. Interessant ist aber, wie die Bibel von diesen Ausnahmen berichtet.

Nehmen wir zum Beispiel die Jungfrauengeburt. Das neue Testament behauptet, Maria sei schwanger geworden, ohne zuvor Geschlechtsverkehr gehabt zu haben. Das wäre ein eindeutiger Verstoß gegen die Naturgesetze. Die Biologie mag ausführlich und detailiert erklären können, warum das so ist, die prinzipielle Tatsache, dass Jungfrauen nicht schwanger werden können, war auch schon vor 2000 Jahren bekannt.

Das zeigt auch deutlich die Reaktion Josefs. Bis Gott ihn per Engel über die Besonderheit der Situation aufklärt, gibt es nur einen denkbaren Grund für die Schwangerschaft seiner Verlobten: Sie hat ihn betrogen. Jede andere Möglichkeit hätte er in Erwägung gezogen, denn seine im Rahmen seiner Kultur sehr milde Reaktion auf Marias vermeindliche Untreue zeigt, dass er sehr wohlwollend ihr gegenüber war. Nein, Josef hielt die Unmöglichkeit einer Jungfrauengeburt für ein unumstößliches Naturgesetz.

Das wäre vielleicht anders gewesen, wenn Josef Anhänger der griechischen Mythologie gewesen wäre. Da kommen ungewollte Schwangerschaften göttlichen Ursprungs durchaus vor. Die Bibel beschreibt die Jungfrauengeburt jedoch als weltgeschichtlich einmalige Verletzung eines sonst universell gültigen Naturgesetzes, für die es einen triftigen Grund gibt, nämlich dass der Sohn Gottes geboren werden soll. Biologen, die sich mit den einschlägigen Phänomenen beschäftigen, müssen sich also keine Sorgen machen: Eine Jungfrauengeburt wird nach biblischem Verständnis nie mehr stattfinden.

Mit anderen Worten: Wenn die Bibel von Wundern als sehr seltenene Ausnahmen zu ansonsten allgemeingültigen Regeln schreibt, dann bejaht sie doch ansonsten gerade die Allgemeingültigkeit dieser Regeln, oder?

Und was ist mit den Ausnahmen? Nach dem philosophischen Naturalismus darf es die nicht geben, doch was sagt der methodische Naturalismus dazu? Der kann ja deshalb heute nicht mehr ernsthaft angezweifelt werden, weil er in der Naturwissenschaft so extrem erfolgreich ist. Wer jedoch naturwissenschaftliche Erkenntnisprozesse kennt, wird sofort einsehen, dass vereinzelte Wunder, sofern sie selten genug stattfinden, diesen Erfolg nicht im geringsten stören. Schließlich gilt unter Naturwissenschaftlern nur das als Naturgesetz, was sich bei einer Vielzahl von unterschiedlichen Experimenten immer wieder bewährt hat. Ein einzelner Ausreißer — mehr kann ein Wunder nicht sein — sorgt schlimmstensfalls für eine gewisse, vorübergehende Verwirrung, wird aber alsbald durch weitere Erkenntnisse überdeckt. Mal abgesehen davon, dass Gott seine Naturgesetze nach biblischem Verständnis nur aus wichtigem Grund durchbricht, und solch ein Grund wird sich höchst selten unter Laborbedingungen finden, wo der Verstoß gegen die Naturgesetze halbwegs verlässlich erkannt werden kann.

Angesichts des Erfolgs der Naturwissenschaften muss man von der Existenz allgemeingültiger Naturgesetze ausgehen. Eine Weltanschauung, die diese Tatsache leugnet, kann man meiner Meinung nach nicht ernst nehmen. Aber in ihrer Suche nach allgemeingültigen Regeln hat die Naturwissenschaft einen blinden Fleck für die Ausnahme, so lange sie in ihrer Häufigkeit unterhalb der Nachweisgrenze der naturwissenschaftlichen Methodik liegt. Erfolgreiche Naturwissenschaft kann die Regel beweisen, aber nie die Ausnahme widerlegen.

Man kann also ernsthaft Naturwissenschaft betreiben und gleichzeitig Christ sein, man kann den methodischen Naturalismus anwenden und gleichzeitig den philosopischen Naturalismus ablehnen. Man kann von der Eleganz und Universalität der besten naturwissenschaftlichen Theorien genauso fasziniert sein wie von den Wundern Gottes. Und wie sagte der Physiker und Christ Werner Heisenberg so schön: „Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaften macht atheistisch; aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott.“

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