Die große Gefahr von Splittergewerkschaften

18. November 2007

Der SPD-Vorsitzende Kurt Beck reiht sich in die Kritiker der Lokführergewerkschaft GDL ein. Wie schon einige vor ihm sieht er in der Forderung der GDL nach einem eigenständigen Tarifvertrag eine Gefahr für die Tarifeinheit, die weit über die Deutsche Bahn AG hinaus reicht. Ein Erfolg würde zur Bildung weiterer Splittergewerkschaften und zur Zersplitterung des Tarifgefüges insgesamt führen.Wie realistisch ist dieses Szenario? Bisher waren nach meinem Kenntnisstand bei der Bildung eines Spartentarifvertrages mindestens die folgenden Bedingungen erfüllt:

  • ein großer innerer Zusammenhalt innerhalb der Berufsgruppe bzw. eine besonders hohe Identifikation mit dem eigenen Beruf
  • eine bereits vorhandene Interessenvertretung der Arbeitnehmer nur dieser Berufsgruppe
  • eine über längere Zeit andauernde Benachteiligung dieser Berufsgruppe durch den oder die Arbeitgeber
  • eine „eigentlich zuständige“ Gewerkschaft, die sich nicht oder nicht ausreichend gegen diese Benachteiligung gewehrt hat, die Interessen speziell dieser Berufsgruppe also nicht oder nicht ausreichend vertreten hat

Jetzt mal ehrlich: Für wie viel Berufsgruppen treffen diese Bedingungen in Deutschland noch zu oder werden in absehbarer Zeit zutreffen? Kurt Beck spricht ja gerade von einer Entwicklung, die sich „sehr zögerlich abzeichnet“. Und das mit dem Zögerlichen wird auch auf lange Sicht so bleiben.Zwei Beispiele mögen das verdeutlichen: Zum einen seien die Briefzusteller genannt, die bekanntlich bei einigen Betrieben zu Bedingungen arbeiten müssen, die an der Grenze des Sittenwidrigen liegen. Hier könnte sich ein Berufsstand leicht zu einer Interessengemeinschaft zusammenschließen. Müsste er aber nicht mal, denn die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di wartet sehnsüchtig darauf, endlich die Interessen der Briefzusteller wahrnehmen zu dürfen. Leider sind diese nur zu einem geringen Anteil Gewerkschaftsmitglieder. Sollte es doch noch zum berechtigten „Aufstand“ der Briefzusteller kommen, würden sie in ver.di bestimmt große Unterstützung finden. Spartengewerkschaft? Wozu?Das zweite Beispiel erlebe ich in eigener Erfahrung. Dass wir Ingenieure gerne über das Management schimpfen, ist eine bekannte Tatsache. Meiner Meinung nach haben wir häufig auch allen Grund dazu. Ärgerlich ist dabei vor allem, dass im Management die großen Karrieren und das große Geld gemacht wird, während man im Ingenieurbereich selbst bei besten Leistungen häufig im tariflichen Bereich hängen bleibt. Unzufriedenheit ist durchaus reichlich vorhanden. Und eine Gewerkschaft der Ingenieure hätte eine nicht geringe Macht. Trotzdem scheitert der schöne Traum am inneren Schweinehund. Man müsste die Ingenieure schon zur Revolution tragen. Spartengewerkschaft? Viel zu anstrengend!Wo ist also das Potenzial für die große Zersplitterung? Wo sind die vielen Berufs- und Interessengruppen, die nur auf einen Erfolg der GDL warten, um dann selbst ihre Forderungen aufzustellen? Was wir sehen, sind meiner Meinung nach hausgemachte Probleme innerhalb einiger weniger Branchen, die zufällig eine stark organisierte Berufsgruppe betreffen. Mehr ist das nicht. Und mehr wird es auch nicht werden.

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