Geistliche Musik

30. Dezember 2007

Es ist an der Zeit, mal wieder eine neue Rubrik aufzumachen …

„Geistliche Musik“ war der Titel eines Buches, das ich vor Jahren mal in die Finger bekommen habe. Der Autor warf — weitgehend unbehindert durch Fachkenntnis — fast sämtliche zu seiner Zeit modernen Musikstile in einen großen Topf, rührte kräftig um und servierte dieses ungare Ragout als satanisch durchdrungen. Wir haben seinerzeit das Buch zusammen mit einigen anderen in eine Art literarischen Giftschrank verbannt. Ich hoffe, es ist mittlerweile vernichtet worden.

Die Frage an sich wird ja immer wieder aufgeworfen: Gibt es Musikrichtungen, die man als Christ meiden muss? Als Kandidaten dafür wurden ja schon so unterschiedliche Stile wie Oper, Marschmusik, Schlager, Rock ’n’ Roll und Heavy Metal angegeben. Es ist nicht einfach zu sehen, was diese Musikrichtungen gemeinsam haben sollen.

Auch wenn man es zu Zeiten von „Deutschland sucht den Superstar“ nicht mehr so recht vorstellen mag, Musik ist und bleibt eine Kunstform, und als solche ist sie wie jede Kunstform hochgradig abhängig von der Kultur, in der sie entsteht. Das zeigt schon ein Blick in die Vergangenheit: Die Musik des späten 19. Jahrhunderts, die in unseren Ohren romantisch und weich klingt, wäre für die Menschen des 17. Jahrhundert dissonant und schwer erträglich gewesen. Umgekehrt war Moll im 17. Jahrhundert das Tongeschlecht für romantische Gefühle und durchaus für Liebeslieder geeignet. Heute empfinden wir Moll als eher traurig und würden die Ode an die geneigte Angebetete doch eher in Dur komponieren.

Musik ist kulturgebunden und nur aus der jeweiligen Kultur heraus zu verstehen. Das gilt insbesondere für Musikstile, die sich in einer Subkultur gebildet haben. Der verantwortungsvolle, leicht spießige Familienvater fortgeschrittenen Alters (das Material, aus dem üblicherweise Gemeindevorstände zusammengesetzt sind) kann z. B. Punk Rock als Musikrichtung nicht verstehen, weil er (naturgemäß) keinen Zugang zur Punk-Kultur hat. Deshalb ist er auch nicht qualifiziert, ein Urteil über die geistliche Qualität von Punk Rock abzugeben. Das ist jetzt ein bisschen böse formuliert, aber man darf nicht vergessen, dass man nur das beurteilen kann, worin man sich auskennt. Eine schlichte Tatsache, die gerade in der einschlägigen Literatur über Musik aus christlicher Sicht oft ignoriert wird.

Reden wir über Inhalte. Eigentümlicherweise ist die Musik selbst im Gegensatz zu anderen Kunstformen nicht dazu in der Lage, unbekannte Inhalte zu transportieren. Besonders deutlich wird das in der Programm-Musik des späten 19. Jahrhunderts. In kaum einer anderen Musikrichtung werden Inhalte deutlicher durch bloße Musik vermittelt. Dennoch ist z. B. die Moldau von Smetana nur mit einer soliden Portion Hintergrundwissen an Geographie, Kultur und Politik zu verstehen. Und auch Richard Strauß’ „Till Eulenspiegels lustige Streiche“ erscheint ohne Kenntnis der literarischen Figur des Till Eulenspiegel zusammenhanglos und banal. Der Transport von Inhalten über Musik kommt nie ohne bereits vorhandenes Wissen beim Hörer aus. So etwas wie satanische Musik kann es deshalb ebenso wenig geben wie christliche Musik, humanistische Musik oder buddhistische Musik. Das Medium Musik allein kann solche komplexen Inhalte nicht transportieren.

Natürlich kann Musik Gefühle und Stimmungen ausdrücken oder über Assoziationen wirken. Aber das ist hochgradig abhängig von der musikalischen Vorbildung und hör-Erwartung des Zuhörers. Jeder Mensch interpretiert unbewusst oder bewusst Musik mit der von ihm gewohnten musikalischen Formensprache. Die gleichen Werke der klassischen Musik können bei Hörern unterschiedlichen kulturellen Hintergrundes höchste Spannung oder tödliche Langeweile auslösen. Manche Bereiche der Rockmusik machen den einen aggressiv und versetzen den anderen in Partystimmung.

Apropos Aggressivität: Dem Heavy Metal wird oft vorgeworfen, dass er genau diese Stimmung transportiere. Dass das für — sagen wir mal — den typischen Schlagerhörer der Fall ist, sei unbestritten. Aber welche Gefühle drückt diese Musik im kulturellen Hintergrund des typischen Metal-Hörer aus? Da ich nicht dieser Gruppe angehöre, muss ich die Frage offen lassen. Vielleicht kann mir da jemand weiterhelfen …

Aber selbst wenn: Wieso soll es denn keine Musik geben, die Aggressivität ausdrückt? Immerhin handelt es sich dabei um eine zwar unschöne, aber nun mal weit verbreitete Eigenschaft des Menschen. Und wenn die Kunst den Menschen ernst nimmt, muss sie auch bereit sein, das ganze Spektrum menschlichen Daseins auszudrücken. Ich halte nichts von einem Kunstbegriff, der nur das schöne, lehrreiche und wünschenswerte propagiert. Ein solcher Kunstbegriff würde auch solche Werke wie Edvard Munchs „Der Schrei“ ausklammern. Ein Gemälde, das wohl kaum als „schön“ bezeichnet werden kann, das aber aufgrund seiner Ausdrucksstärke zurecht zu den größten Meisterwerken der Malerei zählt. Auch in der Musik müssen solche Ausdrucksformen und Inhalte erlaubt sein. Nicht zuletzt, weil es besser ist, diese stachligen, aber menschlichen Gefühle über die Kunst auszudrücken und damit vielleicht zu überwinden, als dass sie über andere Wege unvermittelt hervorbrechen.

Wo ist nun eine Grenze zu ziehen? Gibt es überhaupt Musik, die Christen meiden sollen? O ja, die gibt es! Aber wir werden wieder einmal zurückgeworfen, auf das Pauluswort (in 1. Korinther 10, 23), dass zwar alles erlaubt sei, aber nicht alles zum Guten diene. Je größer die Unterschiede der Kulturen, desto größer die Unterschiede dessen, was man sich zumuten mag, und wovon man besser die Finger (oder die Ohren?) lassen sollte. Und die Unterschiede sind groß. Versteht etwa der Bach-Liebhaber den Metaler oder der Hip-Hopper den Punk-Rocker? Jeder muss für sich Grenzen setzen. Da gibt es keine Ausreden. Aber diese Grenzen können nur innerhalb der jeweiligen Kultur oder Subkultur richtig sein.

Zwei Schlussbemerkungen seien mir erlaubt: Erstens habe ich hiermit noch nichts über die Texte gesagt. Das ist ein eigenes Thema und gehört eher in den Bereich der Literatur als den der Musik. Und zweitens: Ja, ich halte Metal, Hip-Hop, Punk-Rock und Techno für Kunst. Die künstlerische Schöpfungshöhe ist bei manchen Künstlern dieser Stilrichtungen erstaunlich groß. Größer als bei den meisten Werken, die sich in christlichen Liederbüchern finden.

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Eine Antwort to “Geistliche Musik”

  1. Alrik Says:

    Hm, die Beschreibung des Buches erinnert mich an „Wir wollen nur deine Seele“ von U. Bäumer
    Erstgenanntes Buch steht bei mir im Bücherregal, zwischen den anderen „Bekloppten“ wie Chick* und Garry Larson 😉
    http://www.clv.de/index.php?sid=x&shp=oxbaseshop&cl=details&cnid=fda40ebfd2e661f23.75228566&anid=1625

    Ich teile ihren Kunstbegriff und alte übrigens die Texte auch für relevanter als die Musik.
    „Sympathie for the Devil“ also „Mitgefühl für den Teufel“ ist IMHO durchaus ein Lied mit dem sich ein Christ (eigentlich jeder Mensch)auseinander setzen soll, das es die Verführbarkeit des Menschen zum Bösen zum Thema hat.
    Das Video zum Remix der Neptunes bringt es IMHO sehr gut zum Ausdruck.

    Im Bereich Film finde ich übrigens „Im Auftrag des Teufels“ und den ersten Teil von „Gods Army“ interessant 😉

    *ja, ich hab welche. Sogar gekauft. Der Spaß war mir das Geld wert 😀
    Wer es noch nicht kennt:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Chick_Publications


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