Faktenlage

6. April 2008

Neulich im Hauskreis lasen wir einen Bericht von einer interessanten theologischen Argumentation. In Johannes 7, 40 – 42 wird diskutiert, wer denn dieser Jesus sei, der in Jerusalem anlässlich des Laubhüttenfestes so beeindruckende Sachen sagte. Einige hielten Jesus für den Christus, den erwarteten Messias. Die Schriftgelehrten waren aufgrund ihrer profunden Kenntnis des Alten Testamentes anderer Meinung. Sie meinen, Jesus könne nicht der Christus sein, weil dieser nach der Schrift aus Bethlehem käme, und Jesus nun mal aus Galiläa sei.

Tja, leider verloren. Auf den Gedanken, das jemand in Bethlehem geboren, in Galiläa aber aufgewachsen sei, sind sie nicht gekommen. Schlecht recherchiert. Auch ein perfektes Verständnis der Bibel ersetzt nun mal nicht die Kenntnis der Faktenlage.

Das erinnert mich an eine Diskussion, bei der es um die Gemeindemitgliedschaft ging, und ob diese, so wie wir sie praktizieren, überhaupt biblisch wäre.

Tatsächlich gibt es im Neuen Testament in den entstehenden Gemeinden keine formale Mitgliedschaft. So weit, so biblisch. Aber was ist mit der Faktenlage?

Die meisten christlichen Gemeinden in Deutschland besitzen die Rechtsform einer nicht-staatlichen Körperschaft des öffentlichen Rechts. Das liegt daran, dass der Staat, also die Bundesrepublik Deutschland, den Glauben an Gott für erstrebenswert hält, sich aber aus Gründen der Religionsfreiheit nicht selbst in diese Dinge einmischen darf. Deshalb bietet er den Religionsgemeinschaften ab einer gewissen Größe diese Rechtsform als Anerkennung ihrer gesellschaftlich wichtigen Arbeit an. Ein Konstrukt, dem wir Christen in Deutschland viele Vorteile und Möglichkeiten verdanken. Dieser Status als K. d. ö. R. setzt neben einer demokratischen Grundorientierung auch ein System der Mitgliedschaft voraus.

Wie war das nun vor knapp zweitausend Jahren? Auch wenn viele Elemente unseres Rechtssystems ihren Ursprung im römischen Recht haben: Dass es im römischen Reich des 1. Jahrhunderts ähnliche Vorstellungen über den Rechtsstatus von Religionsgemeinschaften gab wie heute, mag ich allerdings nicht so recht glauben.

Da stellt sich natürlich die Frage: Welche Möglichkeiten hatten denn nun die christliche Gemeinden im römischen Weltreich des ersten Jahrhunderts? Wenn es damals schon Rechtskörperschaften im heutigen Sinne gab, die Urgemeinde aber diese Organisationsform abgelehnt hat, müssten wir uns natürlich schon fragen, warum wir uns anders organisieren wie die Gemeinde damals.

Und wenn es diese Möglichkeit nicht gab? Die Urgemeinde kann schwerlich eine Rechtsform annehmen, die vielleicht erst Jahrhunderte später erfunden wurde. Aus der Rechtsform der Urgemeinde theologisch etwas für uns ableiten zu wollen, wäre dann (theo)logischer Blödsinn.

Gab es im römischen Reich Rechtskörperschaften? Keine Ahnung. Ich bin kein Rechtshistoriker, und eine kleine Web-Recherche brachte keine brauchbaren Ergebnisse. Die Frage muss ich offen lassen. Dummerweise ist ohne Kenntnis dieses kleinen rechtshistorischen Faktums alles, was wir anhand der Bibel über Gemeindemitgliedschaft sagen wollen, ein Stochern im Nebel.

Aber in einem bin ich mir sicher: Keine Auslegung der Bibel auf eine konkrete Situation kann bestehen ohne die zugehörige Recherche der Faktenlage. Ganz egal, ob es sich im konkreten Fall um geografische, historische, wissenschaftliche oder was auch immer für Fakten handelt. Also: Lasst uns recherchieren!

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Eine Antwort to “Faktenlage”

  1. alvanx Says:

    Ein weiterer Unterschied zwischen dem 1. und dem 21. Jahrhundert ist, dass das Christentum damals nur Randgruppe war. Wer damals die Gemeinde besuchte, der nahm es auch ernst!
    Heutzutage nicht mehr. Seit Kaiser Konstantin anfang des 4. Jahrhunderts das Christentum zur Staatsreligion machte, fand das Christentum Eingang in die Kultur. Wie im preußischen Militärstaat des 19. Jahrhunderts, wo man nur mit Offiziers- oder Adelstitel gesellschaftliche Anerkennung finden konnte, konnte man auch im römischen Reich unter Konstantin und seinen Nachfolgern nur als Christ Karriere machen. Die Kirchen wurden daraufhin von Lippenbekennern nur so überflutet!
    Heutzutage haben wir die Gemeindemitgliedschaft als ein Mittel, um die Ernsthaftigkeit eines Gemeindebesuchers festzustellen. Bevor man Mitglied werden kann, wird man normalerweise von der Leitung befragt und überprüft, und es kann davon ausgegangen werden, dass ein Mitglied ein Gläubiger ist und mit der Doktrin der Gemeinde übereinstimmt. Insofern, glaube ich, erfüllt die Mitgliedschaft einen sehr nützlichen und praktischen Zweck, der, wenngleich wie Computer und Lobpreismusik „unbiblisch“, doch eine Daseinsberechtigung hat.
    Als in der 2. Hälfte des 1. Jahrhunderts die ersten Irrlehrer in den Gemeinden aufzutreten begannen – wer weiß, vielleicht hätten die Gläubigen ebenfalls begonnen, zwischen Mitgliedern und Nichtmitgliedern zu unterscheiden, wenn ihr Denken dafür schon Platz gehabt hätte?
    In einer kleinen Untergrundgruppe von christlichen Gläubigen, die sich in den Katakomben Roms trifft, um der Verfolgung zu entgehen wäre ich sicher nicht der einzige, der gerne genau wüsste, was von den anderen Besuchern zu halten ist. Naheliegend wäre in diesem Extremfall doch selbst damals schon gewesen, eine Art Geheimbund mit an Bedingungen geknüpfter Mitgliedschaft zu bilden, oder?


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