Bildungschancen

5. Juni 2008

„Wir müssen den Einfluss der Eltern schwächen.“ Das sagt der Soziologe Müller-Benedict im tagesschau.de-Interview.

Der Satz trifft bei mir auf einen Nerv, der schon lange wund ist. Denn er ist, so scheint mir, leider die einzige Antwort auf die Problematik des deutschen Bildungssystems.

Theoretisch ist nämlich in Deutschland der Weg zu höherer Bildung so offen wie in kaum einem anderen Land. Es gibt z. B. kaum teure Privatschulen, wie sie in manchen anderen Ländern fast schon eine Conditio sine qua non für eine höhere Bildung sind.

Eine Besonderheit des deutschen Weges ist die hohe Verantwortung, die den Erziehungsberechtigten zugemutet wird. Hausaufgabenhilfe ist z. B. fast ausschließlich Elternsache. Ein Gedanke, der mir immer gut gefallen hat. Schließlich sollten die Eltern ja am besten wissen, was gut für ihre Kinder ist.

Die Ergebnisse der Pisa-Studie zeichnen leider ein anderes Bild. In kaum einen Land Europas sind die Bildungschancen der Kinder so abhängig von der Bildung der Eltern wie in Deutschland. Das System der Elternverantwortung hat versagt. Und Müller-Benedict hat recht.

Eine Erkenntnis, die mich besonders schmerzt, weil ich ein gutes Beispiel dafür bin, dass es auch anders geht. Meine Eltern muss man wohl in die eher „bildungsferne“ Kategorie einordnen. Trotzdem konnten mein Bruder und ich einen akademischen Abschluss erwerben – und das nicht auch nur eine Sekunde gegen den Willen meiner Eltern. Ganz im Gegenteil: Seit unserer Geburt haben sie z. B. nach Kräften vorgesorgt, dass auch die finanziellen Mittel für ein Studium zur Verfügung stehen.

Leider scheint da meine Familie zu einer Minderheit zu gehören. Und so schade es um die Familien ist, bei denen die Eltern sich so einsetzen, wie meine es getan haben: Im Interesse aller muss offensichtlich den Eltern ein gutes Stück Einfluss entzogen werden.

Das muss dann auch das Ziel einer potenziellen Bildungsreform sein: weniger Einfluss der Eltern. Das ist ein bewusster Schritt weg von dem, wie ich mir und wie viele sich eine ideale Familie vorstellen. Aber es scheint nun mal ein Schritt in Richtung höherer Bildungschancen für alle zu sein.

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