Musikindustrie

28. Juni 2008

Schon die Überschrift ist eigentlich ein Widerspruch in sich: Musik ist eine Kunstform, und Kunst entzieht sich naturgemäß den Prozessen industrieller Produktion.

Nun habe ich seit längerem den Eindruck, dass die Verantwortlichen dessen, was man gemeinhin als Musikindustrie bezeichnet, anderer Meinung zu sein scheinen. Auf der deutschsprachigen Homepage des jungen Musikers Mika bin ich auf ein paar Sätze gestoßen, die mich in diesem Eindruck bestätigen:

Damals arbeitete ich gerade mit einer großen Firma in London zusammen, und die hatten sich zum Ziel gesetzt, aus mir das nächste große Ding zu machen. Wie das passieren sollte, war ihnen egal. Darum haben sie andauernd versucht, mich in Richtung Chart-Künstler zu verbiegen – und der typische Chartstürmer war zu jener Zeit gerade Craig David. Sie erzählten mir, dass ich unbedingt eine Platte aufnehmen müsste, die genau den Popstandards entspricht – und dadurch genau wie Craig David klingt! Ich wusste sofort, dass unsere Zusammenarbeit nur in einem absoluten Desaster enden konnte.

Auf der erwähnten Seite von Mika sind einige Musikvideos von ihm zu sehen. Und auch auf der deutschen Seite von Craig David erklingt eine Kostprobe seines Schaffens. Das, was Mika mittlerweile macht, ist sicherlich Geschmackssache. Aber die Idee, ihn im im Stil von Craig David musizieren lassen zu wollen, kann man doch nur noch als absurd bezeichnen.

Es mag ja sein, dass die schlechte Kopie des Erfolgs zunächst finanziell mehr einbringt, als das unberechenbare, weil künstlerisch eigenständige Original. Das geht aber nur so lange gut, wie es noch genügend Originale zu kopieren gibt. Die von Mika beschriebenen Versuche, den Erfolg planbar zu machen, haben zu einem kontinuierlichen Umsatzrückgang in der Musikindustrie geführt. Illegale Musikdownloads mögen ein Teil des Problems sein, aber meiner Meinung nach nicht der Kern davon.

Apropos Downloads: Mika ist jetzt der dritte Künstler in Folge, den ich über YouTube kennen gelernt habe, und dessen Album ich mir erst dann zugelegt habe, nachdem ich mich — über YouTube oder über die Homepage des Künstlers selber — mehrere Lieder komplett angehört habe und mich davon überzeugt habe, dass mir die Musik auch wirklich gefällt. Freie Musik im Internet hat in meinem Fall den Künstlern und Labels mehr Umsatz beschert, nicht weniger.

Was mich dazu bewegt, für Musik zu bezahlen, die ich auch frei hören könnte? Der Gedanke, dass ein guter Künstler auch gutes Geld verdienen sollte, spielt eine Rolle, aber vielleicht nicht mal die dominierende. Auch praktische Erwägungen und Fragen der technischen Qualität der Musik sind nicht unwichtig. Ich glaube aber, es geht mir letztlich so, wie Steve Jobs das sagte: Menschen wollen Musik besitzen. Die eigene handverlesene Kollektion im (virtuellen) Regal zu haben, ist etwas, was auch im digitalen Zeitalter noch einen besonderen Reiz für mich hat.

Mich würde mal interessieren, ob es nicht nur mir so geht. Ich gehöre ja noch zu der Generation, die ihre Schallplatten gepflegt hat — ich habe immer noch ein paar erlesene Exemplare da, die ich nicht missen möchte. Vielleicht habe ich einfach dieses Gefühl auf die CD und später auf den digitalen Download übertragen. Gehöre ich zu einer aussterbenden Rasse? Stirbt das Bedürfnis, Musik zu besitzen, mit dem Tonträger? Oder behält die „eigene Sammlung“ auch im Zeitalter des digitalen Downloads ihren besonderen Reiz? Ich bin gespannt auf Eure Kommentare.

Advertisements

Eine Antwort to “Musikindustrie”

  1. alvanx Says:

    Ich glaube auch, dass die mangelnde Originalität der Mainstream-Musik wohl eher für den Untergang derselben verantwortlich sein wird, als deren illegale Verbreitung im Internet.

    Ich persönlich habe auch eine Sammlung, die ich hege und pflege. Dabei ist aber wichtig, dass ich die CDs selbst besitze. Natürlich verstauben sie hauptsächlich im Regal, weil ich sie selbstverständlich zu 95% am Computer höre, aber ich fühle mich einfach nicht richtig wie der Besitzer, wenn ich kein greifbares Medium habe, auf das ich zurückgreifen kann, und nicht die Freiheit, ein schön designtes Cover zu bewundern, Texte jederzeit zur Hand zu haben und, nicht zuletzt, auch die Wahl zu haben, wie ich die Musik konsumiere (denn im Falle nur digital vorhandener Musik müsste ich zusätzlich in Rohlinge investieren, und die sehen bebrannt immer noch ziemlich arm aus).
    Meine paar iTunes-Einkäufe waren zwar eine gute Möglichkeit, in der Musik-Dürre Ungarns zu überleben, aber ich habe sie irgendwie bereut. Naja, vielleicht lag es auch einfach an dem Kopierschutz (der meine Besitzerrechte mehr einschränkt, als erlaubt sein sollte), der mittelmäßigen Klangqualität (Von etwa 50 gekauften Songs war einer beschädigt – ein Tritt in den Staub für den stolzen Sammler), dem lausigen ITunes Player oder ganz einfach Apples Marktpolitik, die mir die Freude daran vergällt haben…


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: