von Radsatzwellen und Verantwortlichkeiten

26. Oktober 2008

Die Probleme mit Rissen in Radsatzwellen reißen nicht ab. Die Bahn AG geht mit Zugausfällen und Notfahrplänen in die nächste Runde. Da lasse ich mich nicht lumpen und schiebe ebenfalls eine Fortsetzung nach.

Denn inzwischen beginnen die Schuldzuweisungen. In einer Pressemitteilung der Bahn AG wird der Vorstandsvorsitzende Mehdorn zitiert: „Wir sehen uns von der Industrie im Stich gelassen, die uns mit nicht belastbaren und unklaren Angaben konfrontiert.“ Fast könnte er einem leid tun. Denn schließlich hat die Bahnindustrie die Züge vom Typ ICE 3 und ICE T entworfen und gebaut. Sie mögen die damals gültigen Normen und Vorschriften voll erfüllt haben, dennoch sind sie zweifellos mangelhaft.

Schienenfahrzeuge werden üblicherweise für eine Lebensdauer von 30 Jahren ausgelegt. Alle mechanischen Konstruktionsteile sind entweder Verschleißteile und müssen nach Ablauf bestimmter Fristen ausgetauscht werden, oder sie sind dafür ausgelegt, das gesamte Fahrzeugleben zu halten. Die Radsatzwellen sind keine Verschleißteile, ein Austausch war nicht vorgesehen. Wenn sie jetzt schon, nach weniger als einem Drittel der veranschlagten Lebensdauer, zu gefährlicher Rissbildung neigen, dann ist das ein erheblicher Mangel, den eindeutig der Hersteller zu vertreten hat.

Hartmut Mehdorn hat also formal gesehen Recht, wenn er den Herstellerfirmen die Schuld am derzeitigen Notfahrplan gibt. Es nützt ihm nur nichts. Und zwar gleich aus mehreren Gründen:

Zunächst ist die Bahn AG als zugelassenes Eisenbahnverkehrsunternehmen nach dem Allgemeinen Eisenbahngesetz für die Sicherheit ihrer Züge selbst verantwortlich. Gebrochene Radsatzwellen liegen also nach den gesetzlichen Bestimmungen nicht in der Verantwortung der Hersteller, sondern der Bahn AG. Bei einem schweren Unfall wäre also die Bahn AG zivilrechtlich haftbar und ihre Mitarbeiter gegebenenfalls sogar in der strafrechtlichen Verantwortung. Sie hätte allenfalls versuchen können, die Hersteller in Regress zu nehmen. Natürlich kann sie sich zur Lösung von Sicherheitsproblemen die Unterstützung der Hersteller holen, aber nicht die Verantwortung auf sie abwälzen.

Zweitens kann der Bahnchef schimpfen so viel er will, das Problem mit den Notfahrplänen und den verärgerten Kunden hat er und nicht die Bahnindustrie. Und auch der Image-Schaden trifft nicht die für die meisten Bahnkunden weitgehend unbekannten Herstellerkonsortien, sondern das Eisenbahnverkehrsunternehmen, das seine zugesagten Leistungen — den Fahrplan — nicht erfüllen kann. Das ohnehin schlechte Image der Bahn wird durch die jüngsten Ereignissen sicher nicht besser.

Zuletzt hätten die Radsatz-Probleme die Bahn AG nicht unvorbereitet treffen dürfen. Die Radsatzwellen gehören in den letzten Jahren zu den Konstruktionsteilen, die am häufigsten Probleme machen. Die meisten Neigetechnik-Züge waren schon betroffen und durften zeitweise nur mit abgeschalteter Neigetechnik oder reduzierter Geschwindigkeit unterwegs sein. Es zeichnet sich schon länger ab, dass die Bahnindustrie die Langzeitstabilität bei hoch belasteten Radsatzwellen nicht so richtig im Griff hat. Und höhere Belastungen als beim ICE 3 (schnellster Zug) und ICE T (schnellster Zug mit Neigetechnik) gibt es bei deutschen Schienenfahrzeugen wohl kaum.

Wenn die Bahn AG pünktliche und bequeme Fernzüge anbieten will, ist sie auf die Zuverlässigkeit der Fahrzeuge entscheidend angewiesen. Das zeigt sich zur Zeit überdeutlich. Und wer auf die Qualität von Zulieferungen derart angewiesen ist, tut gut daran, seinen Lieferanten genau auf die Finger zu schauen. So kenne ich das von der Firma, in der ich arbeite: Die Qualität der Zulieferungen wird ständig überprüft, und man nimmt auch gern schon mal bei bekannten Problemen direkten Einfluss auf die Prozesse und Entscheidungen bei den Lieferanten. Ohne diese Maßnahmen können wir keine ausreichende Qualität unserer eigenen Produkte erreichen.

Genau das gleiche muss natürlich auch die Bahn AG mit den Schienenfahrzeug-Herstellern tun, wenn sie auf die pünktliche und zuverlässige Beförderung ihrer Fahrgäste Wert legt. Das gilt um so mehr, wenn es sich wie bei hoch belasteten Radsätzen nicht um Standardprodukte handelt, sondern um technisch höchst anspruchsvolle Komponenten, mit denen es zuvor schon mehrfach Probleme gegeben hat. Die Zuverlässigkeit der Fahrzeuge ist das ureigenste Interesse der Bahn AG. Niemand wird dieses Interesse für sie wahrnehmen, wenn sie es nicht selbst tut, und zwar mit Einsatz und Nachdruck tut.

Nun ist die eingangs zitierte Aussage Teil einer Presse-Erklärung, und Hartmut Mehdorn ist nicht gerade für diplomatische Worte bekannt. Was in den unteren Etagen der Konzerne an Zusammenarbeit und gegenseitiger Kontrolle läuft, ist von außen natürlich nicht zu beurteilen. Angesichts der erheblichen Historie an Radsatzproblemen tut die Bahn AG aber sicher gut daran, sich des Themas mit der Kompetenz im eigenen Hause anzunehmen. Oder wenn diese nicht existiert, sie schleunigst aufzubauen. Denn die Bahn AG ist verantwortlich für die sichere und pünktliche Durchführung des Bahnverkehrs. Und niemand sonst.

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