Kommunikationsherrschaft

17. November 2008

In jedem Blog erscheint über kurz oder lang ein Artikel über Blogs und die Blogosphäre. Heute bin ich dran.

Am Wochenende ging nämlich — wie Jürgen Kalwa formuliert — ein kleines Erdbeben durch die deutsche Blogosphäre. Dabei meine ich nicht den ebenso untauglichen wie dummen Versuch des Herrn Heilmann, die Verbreitung von Wikipedia-Inhalten per einstweiliger Verfügung gegen den Betreiber von wikipedia.de zu verhindern.

Nein, es geht mir um den Fall Zwanziger ./. Weinreich: Der freie Journalist Jens Weinreich hatte den DFB-Präsidenten in einem Blog-Kommentar als „unglaublichen Demagogen“ bezeichnet. Das mag unfein sein, ist aber durch die Meinungsfreiheit gedeckt. Nach erfolglos bestrittenem Rechtsweg wehrte sich der so angesprochene bzw. seine Kollegen aus der DFB-Führungsetage mit einer Pressemitteilung, für deren Inhalt meiner Meinung nach der Begriff „demagogisch“ nur eine von vielen möglichen Beschreibungen ist.

Soweit das übliche Bild: Ein einflussreicher Verband versucht mit all seiner Macht, einen kritischen Journalisten mundtot zu machen, und sich damit die „Kommunikationsherrschaft“ (Zitat Zwanziger) zu sichern. Das Außergewöhnliche: Wenn ihm das nicht gelingen sollte (und das könnte momentan durchaus sein), liegt das an der Blogosphäre. Nicht nur dass Jens Weinreich auf seiner Seite den Fall — natürlich aus seiner Sicht — ausführlichst dokumentiert hat, mittlerweile haben sich so viele Blogger des Themas angenommen, das es sogar mir als bekennender nicht-Fußball-Fan aufgefallen ist.

Die Blogosphäre in Deutschland — oft als relevanzfrei verspottet — probt den Aufstand gegen den journalistischen Mainstream. Ich bin höchst gespannt, ob ihr der gelingt. Sie würde einem internationalen Trend folgen, dass das, was man gemeinhin als Web 2.0 bezeichnet, beständig an Einfluss wächst. Nie war es so einfach, seine Meinung einer großen Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Aus vielen Diktaturen kommen ungefilterte Zustandsberichte nur noch über diesen Weg.

Das Medium Web 2.0 bringt natürlich auch viel hervor, das das Licht der Öffentlichkeit besser nie erblickt hätte. Zwischen all dem Unsinn und Mist muss man die guten Angebote erst mal finden. Ob die systemeigenen Filter- und Auslese-Mechanismen auf Dauer ausreichend wirksam sein werden, bleibt meiner Meinung nach abzuwarten. Aber immerhin fehlt im Web 2.0 das probateste Mittel zur Verbreitung von Minderwertigem: das Monopol.

Das Internet wird jedenfalls mehr und mehr zur Plattform für offene Kommunikation und zur Gefahr für alle, die Kommunikationsherrschaft anstreben. Es kann somit zu einer großen Chance für die Demokratie werden. Es muss nicht, aber es kann.

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