Restrisiko

25. Oktober 2009

Das „Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden“ sammelte vor etwa einer Woche in Stuttgart so genannte Killerspiele. Es hatte dazu einen großen Container aufgestellt, in den man die Spiele werfen konnte, um sie der Vernichtung zuzuführen. Das Bündnis wollte damit auf seine Forderung nach demVerbot von „Computer-Killerspielen“ hinweisen.

Der unmittelbare Erfolg der Aktion war eher bescheiden, wie dieses Video zeigt:

Bis zum Ende der Aktion sollen es noch etwa zwei Dutzend Spiele geworden sein.

Ich möchte mich weiterer Häme enthalten, immerhin handelt es sich bei den Mitgliedern des Aktionsbündnisses um Angehörige der Opfer. Was die Aktion jedoch deutlich zeigt, ist die Hilflosigkeit, mit der auch und gerade die Betroffenen dem Phänomen Amoklauf gegenüberstehen.

Das Jahr 2009 hat uns bereits zwei Schul-Amokläufe gebracht, einen in Winnenden am 11. März und einen in Ansbach am 17. September. Beide haben nicht nur unsägliches Leid über die Opfer bzw. deren Hinterbliebenen gebracht, sie haben auch eine große Diskussion in der Gesellschaft angestoßen.

Amokläufe haben viel gemeinsam mit Terroranschlägen. Nicht nur dass sie meist geplant sind und häufig viele Opfer fordern. Beide Verbrechen richten sich in erster Linie gegen völlig unbeteiligte. Dass es unschuldige trifft, ist kein Versehen und auch kein Nebenprodukt der Tat. Nein, gerade das (weitgehend) wahllose Töten ist Programm, ist Kernpunkt des Tatgeschehens.

Das trifft allerdings unser Sicherheitsbedürfnis bis ins Mark. Wenn ganz normale Schüler an einer ganz normalen Schule fürchten müssen, ohne erkennbare Vorwarnung einfach so ermordet zu werden, kann sich keiner mehr sicher fühlen. Es ist, als wäre ein Stück Unschuld für immer verloren gegangen. Zurück bleibt Ohnmacht und Hilflosigkeit.

Nüchtern betrachtet ist das natürlich Unsinn. Das Risiko, bei einem Amoklauf getötet zu werden, ist verschwindend gering. Die größten Gefahren für Leib und Leben dürften für Schüler der Straßenverkehr auf dem Schulweg mit sich bringen. An zweiter Stelle der Todesursachen in der Schule stehen entweder Drogen oder Suizid wegen Mobbing. Bei aller Dramatik und bei allem Respekt vor den Opfern gehören Amokläufe an deutschen Schulen in der Summe zu den kleineren Problemen.

Was uns dabei so sehr trifft, ist das Versagen der üblichen Verdrängungsmechanismen. Wir leben in einem Land, in dem die meisten Menschen im hohen Alter sterben, „alt und lebenssatt“, wie die Bibel das nennt. Das lässt uns leicht vergessen, dass Leben immer gefährdet ist. Und nebenbei verschiebt es unsere Prioritäten.

Die meisten von uns sind in der Gewissheit aufgewachsen, dass jeder einzelne Mensch zählt, und dass das Leben eines jeden einzelnen Menschen geschützt werden muss. Das ist wahr, aber keinesfalls selbstverständlich. Das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit steht an prominenter Stelle, nämlich in Artikel 2, Absatz 2, in unserem Grundgesetz. Bis dorthin hat es einen sehr langen Weg zurückgelegt. Und es ist längst noch nicht überall in unserer Gesellschaft angekommen. Es gibt immer noch Menschen, die gegen dieses Recht verstoßen, mehr noch, Menschen, für die dieses Recht nur einen geringen oder gar keinen Stellenwert hat. Zwar sind das immer weniger (die Fallzahlen sind bei den meisten Gewalttaten seit Jahren rückläufig), aber jeder Einzelfall ist natürlich einer zu viel. Das gilt auch und insbesondere für Amokläufe an Schulen.

Das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit ist ein hohes Recht, allerdings ist es nicht das höchste. Das sahen auch die Väter und Mütter des Grundgesetz so, die das Recht zur freien Entfaltung der Persönlichkeit, allen voran aber die Würde des Menschen und ihre Unverletzlichkeit noch vor Leben und körperliche Unversehrtheit gesetzt haben. Ein Gedanke, der gerade uns Christen keinesfalls fremd sein sollte, auch wenn wir es vielleicht anders formulieren, anders gewichten würden. Es gibt Überzeugungen und Werte, für die es sich zu sterben lohnt. Und es gibt Schicksale und Konsequenzen, die schlimmer sind als der Tod.

Menschen, die diese Ansicht berechtigterweise in die Tat umgesetzt haben, nennen wir Märtyrer. Und man muss kein Christ sein, um die Entscheidungen von Märtyrern zu respektieren und die dahinter verborgene Lebensleistung anzuerkennen. Aber man muss die Schranken des Wertes von Leben und körperlicher Unversehrtheit akzeptieren. Setzen wir diesen Wert absolut, degradieren wir den Märtyrer zum dummen Trottel, der seine Prioritäten auf fatale Weise nicht richtig zu setzen wusste.

Prioritäten: Der Begriff ist schon gefallen. Es geht um den Stellenwert von Werten und Überzeugungen. Es ist nun mal so, dass man persönlich und auch in der Gesellschaft immer wieder zwischen verschiedenen Rechten und Überzeugungen abwägen muss. Der Wert, alles Leben zu schützen, muss eine sehr hohe Priorität haben, aber er darf nicht die höchste haben. Mit anderen Worten: Es gibt Situationen, in denen wir in Kauf nehmen müssen, dass unschuldige Menschen sterben.

Hundertprozentige Sicherheit ist — wenn überhaupt — nur zum Preis von hundertprozentiger Unfreiheit zu erreichen. Das wird bei kaum einen Beispiel so deutlich, wie bei den Schul-Amokläufen. Gäbe es ein einfaches oder zumindest praktikables Mittel gegen diese Taten, es wäre längst umgesetzt. Aber zu unterschiedlich sind die einzelnen Fälle, zu unvorhersehbar die einzelnen Taten. Gerade in Ansbach wurde immer wieder betont, dass das Gymnasium Carolinum eigentlich gerade nicht der Typ Schule ist, an dem man eine solche Tat erwarten würde.

Natürlich sind manche Vorschläge und Vorstöße zum Thema in erster Linie durch Populismus geprägt. Aber gerade dem Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden kann dieser Vorwurf nicht gemacht werden. Wer kann mehr Interesse an echten, wirksamen Maßnahmen haben, als die Angehörigen der Opfer? Trotzdem muss die Frage erlaubt sein, welchem Wertesystem die vorgeschlagenen Maßnahmen entsprungen sind.

Wir müssen uns mit dem Gedanken eines Restrisikos vertraut machen. Es werden weiterhin Menschen ohne eigenes Verschulden, ohne Vorwarnung, ja sogar in eigentlich sicherer Umgebung ihr Leben verlieren. Und der Preis für eine tatsächliche und effektive Beseitigung des Restrisikos wird objektiv zu hoch sein, auch und selbst wenn der Preis für das Opfer so extrem hoch ist. Jede ernsthafte Diskussion zu diesem Thema gleicht einer Gratwanderung, bei der sich auf beiden Seiten die Abgründe der Menschenverachtung auftun.

Noch viel wichtiger: Wir müssen uns mit dem Gedanken vertraut machen, dass wir in diesem Kalkül jederzeit selbst Opfer werden können — und fast jederzeit selbst Täter. Es gibt keinen sicheren Platz, keine Nische, in die wir uns zurückziehen können. Wo immer wir über Sicherheit diskutieren, müssen wir über Restrisiken diskutieren. Darüber, welche Restrisiken wir bereit sind zu tolerieren und warum. Und auch wenn wir Restrisiken nicht akzeptieren, haben wir über die Gründe Rechenschaft abzulegen.

Die ergebnisoffene Diskussion über Restrisiken gehört dazu, wenn wir über die Vermeidung von Schul-Amokläufen reden. Auch wenn das für die Opfer und Hinterbliebenen bitter und schwer erträglich ist, und wir unbeteiligte gut daran tun, mit einem Höchstmaß an Takt und Einfühlungsvermögen vorzugehen. Die ergebnisoffene Diskussion über Restrisiken gehört auch dazu, wenn wir über viele andere Themen sprechen: über Terrorbekämpfung, über Kernkraft, über Mobilität. Sie berührt die Lebensbereiche aller Menschen. Sie gehört zum Alltag.

Es ist klug, wenn wir versuchen, die Restrisiken im Alltag zu verkleinern. Es ist unklug, die Restrisiken aus unserem Bewusstsein zu verbannen.