Minarette und Kruzifixe

20. Februar 2010

Vor über 15 Jahren zog ich zwecks Erlangung eines akademischen Grades aus dem heimatlichen Württemberg ins Bundesland Bayern. Nicht lange danach erließ das Bundesverfassungsgericht seinen Kruzifix-Beschluss, und der Freistaat erzitterte unter einem Sturm der Entrüstung.

Diese Entrüstung war für mich ebenso unverständlich, wie die Entscheidung des Verfassungsgerichtes für mich offensichtlich richtig war. Ich komme aus einer eigentlich recht frommen Gegend. Wir hatten an der Schule einen sehr aktiven Schülerbibelkreis, der von allen Seiten, insbesondere von der Schulleitung stets nach Kräften unterstützt wurde. Zeitweise soll es sogar einen Lehrergebetskreis gegeben haben. Trotzdem wäre die Schulleitung nicht im Traum auf die Idee gekommen, sich in Religionsfragen inhaltlich einzumischen und von offizieller Seite Partei zu ergreifen. Und nichts anderes stellt das Aufhängen spezifisch christlicher Symbole in den Klassenräumen einer öffentlichen Schule dar.

Ich finde es gut, wenn der Staat (wie in Deutschland) „religiöse Betätigung“ großzügig unterstützt. Es ist aber für mich eine Selbstverständlichkeit, dass er sich in inhaltlichen Fragen raushält und keinesfalls Partei ergreift, egal ob für mich oder gegen mich. Das ergibt sich nicht nur aus meinem Verständnis von Religionsfreiheit als Menschenrecht, damit verteidige ich auch meine ureigensten Interessen als Christ.

Es geht ja schon damit los, dass Artikel 7, Absatz 3, Sätze 1 und 2 des BayEUG, in denen die Kruzifixfrage geregelt ist, mit meinem Verständnis des christlichen Glaubens nicht viel zu tun hat. Das ist ganz normal: Wenn der Staat sich christliche Positionen zu eigen macht, sind das sehr selten die Positionen, die von den lebendigen Christen vertreten werden. Wenn es nicht sowieso um reine Machtfragen geht, sind es Traditionen und eher abstrakte Werte, die hochgehalten werden. Und nicht selten hat sich das Staatschristentum mit Unterdrückung und Verfolgung gegen die Nachfolger Jesu gewandt. Ein vom Staat getragenes Christentum hat noch nie funktioniert und ist auch im Neuen Testament so nicht vorgesehen.

Der vieldiskutierte Untergang des christlichen Abendlandes ist in Wahrheit eine Anpassung an die Realitäten. Er mag unseren Dienst als Christen schwieriger machen. Wir sollten aber nicht den Fehler machen, diese sterbenden Traditionen künstlich am Leben zu halten; nicht nur weil es sich dabei um ein Rückzugsgefecht handelt, das dem offensiven Charakter des Evangeliums nicht gerecht wird, sondern weil es Kräfte bindet, die zur Verkündigung lebendiger Wahrheiten viel besser und nachhaltiger eingesetzt wären.

Die normale Position der Christen in einer Gesellschaft ist die einer Minderheit. Das ist nicht schön und noch viel weniger wünschenswert, aber es ist die Realität, und die müssen wir akzeptieren. Mehr noch, wir müssen diese Position aktiv besetzen.

Das gilt auch und gerade angesichts von Diskussionen wie der um die Minarettfrage. Man denke an die vieldiskutierten Volksabstimmung in der Schweiz vor ein paar Monaten, nach der Minarette verboten werden sollen. Dabei handelte es sich nicht um einen Triumph des christlichen Glaubens, sondern um die Niederlage einer religiösen Minderheit. Das kann uns als Christen genau so treffen. Teilweise trifft es uns auch schon, wenn wie in Marburg im vergangenen Jahr starker politischer Druck ausgeübt wurde, um Referentenauswahl und Inhalte eines christlichen Kongresses zu beeinflussen.

Auch wenn wir den Islam in Glaubensfragen nur als unseren Gegner betrachten können: In Fragen der Religions- und Meinungsfreiheit muss es unser Verbündeter sein. Freiheitsrechte sind nicht teilbar. Wenn sie nur für bestimmte Bevölkerungsgruppen und Denkrichtungen gelten, gelten sie gar nicht mehr. Und dieselben Rechte, die für unseren ungehinderten Dienst als Christen wichtig sind, müssen wir auch für andere Glaubensgemeinschaften einfordern.

Diejenigen, die in dem Verzicht auf Minarette gar ein Zeichen von Integration sehen, verwechseln all zu leicht Integration mit Anpassung. Unter dem Deckmantel der Integration wird eine Gesellschaft propagiert, in der das Andere, das Fremde, auch das unbequeme und das Abstoßende keinen Platz hat. Eine solche Gesellschaft läuft Gefahr, ihre kulturelle Kraft zu verlieren. Sie ersetzt tendenziell Ethik durch Tradition. Und sie verliert an Widerstandskraft gegen Machtmissbrauch und Diktatur.

Dabei wird oft vergessen, dass „integrieren“ eigentlich kein reflexives sondern ein transitives Verb ist: Nicht der Fremdling integriert sich in die Gesellschaft, sondern die Gesellschaft integriert den Fremdling in ihrer Mitte. Natürlich muss dafür eine gewisse Bereitschaft vorhanden sein. Und natürlich muss die Gesellschaft auch in der Lage sein zu reagieren, wenn diese Bereitschaft bei Migranten fehlt. Aber der aktive Part bei der Integration kommt den Einheimischen zu. Deshalb ist das Fehlen von Minaretten kein Zeichen erfolgreicher Integration. Der Anteil an Muslimen im örtlichen Gesangs- oder Schützenverein wäre ein viel besseres Maß.

Das friedliche Nebeneinander von Minarett und Kreuz ist kein Verrat an der Bibel. Es ist vielmehr die Anerkennung einer biblischen Wahrheit, nämlich dass wir das, was wir uns von anderen wünschen, auch selbst bieten müssen. Das schließt insbesondere Offenheit und Gesprächsbereitschaft über den Glauben des Anderen mit ein. Es ist ja nicht so, dass wir eine inhaltliche Auseinandersetzung zu fürchten hätten. Religionsfreiheit heißt, dass jeder frei entscheiden darf, an wen oder was er glauben will. Es gibt so viele gute Argumente, sich für Jesus zu entscheiden. Lasst uns auf die schlechten verzichten.

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2 Antworten to “Minarette und Kruzifixe”

  1. alvanx Says:

    Allgemein und inhaltlich hast du meine Zustimmung: Wir bekämpfen Windmühlen, wenn wir die Entchristianisierung des Westens rückgängig machen oder aufhalten wollen. Die Realität sieht einfach anders aus. Nur deine Schlussfolgerung zum Minarett kann ich nicht teilen.

    Ich frage mich, ob du den Artikel „Das Kreuz muss weg“ des Theologen Klaus Baschang im idea Spektrum Nr. 5/2010 gelesen hast. Dort argumentiert er, wie ich finde, recht überzeugend dafür, das Kreuz in den öffentlichen Gebäuden zu lassen.
    Da der Staat religiös neutral ausgerichtet sein muss, darf er sich nicht in die Sinnsuche seiner Bürger einmischen. Wenn er mit den Kirchen aber überhaupt nicht kooperiert, bleibt er nicht neutral, denn er impliziert damit, dass Religion unnötig und im öffentlichen Leben nicht erwünscht ist. Soweit stimmt er mit dir überein.
    Das Kreuz ist seiner Meinung nach aber das selbst gesetzte Symbol des Staates, um ihn an seiner Grenzen zu erinnern; ein Staat, der die Sinnfindung vorschreiben will, gerät zur Diktatur. Das Kreuz an der Wand ist ein bloßes Symbol, das der Anerkennung einer höheren Macht dient. Dazu ist es auch als christliches Symbol berechtigt, weil christliche Werte die Entwicklung des Staates entscheidend beeinflusst haben und im Prinzip die Grundlage des Grundgesetzes bilden. Es zwingt niemanden dazu, es zu verehren, und kommt auch ohne Corpus. Anders das Kopftuch und das Minarett: Ersteres sei ein „religiöses Symbol“, das „auch in der islamischen Welt selbst umstritten“ sei. Und während der Kirchturm Gläubige zum Gebet rufe, verkünde der Muezzin vom Minarett „die Herrschaft seines Gottes Allah über das Land … Die Aufrichtung eines Minaretts gehört nicht zu den Glaubenspflichten der Muslime. Darum wird ihre Religionsfreiheit nicht berührt, wenn der [deutsche] Staat darauf achtet, dass die Verhältnismäßigkeit der Größe beachtet wird.“

    Hätten Christen denn kein Verständnis dafür, wenn sie in einem Land, das nicht von christlicher Kultur geprägt ist, keine Kirchturmglocken läuten dürften, weil es die anderen Bewohner stört? Natürlich haben sie das, wie man weltweit sehen kann. Sollten wir von Muslimen nicht auch etwas Einfühlungsvermögen erwarten dürfen, wenn es um die Sitten und Gebräuche ihres Gastlandes geht? Sollte man nicht selbstverständlich erwarten dürfen, dass auch Muslime sich in eine Gesellschaft einfügen, die nicht ihre eigene ist? Wenn der deutsche Staat Muslimen ihre Religionsausübung verbieten würde, ginge ich mit dir auf die Barrikaden – denn dasselbe Schicksal würde uns Christen wohl nur wenig später treffen. Aber das Minarett hat nichts mit freier Religionsausübung zu tun, sondern bezeugt nur, dass heutige Muslime, anstatt sich respektvoll einzugliedern, eine fremde Kultur lieber erobern und beherrschen wollen. Deshalb halte ich das Schweizer Verbot für gerechtfertigt, bis mich jemand eines Besseren belehrt.

  2. wesenderdinge Says:

    Wenn der Staat christliche Symbole benutzt, um die Existenz einer höheren Macht anzuerkennen, führt dies umgekehrt dazu, dass die christlichen Symbole nur noch für eine höhere Macht stehen, ja dass der christliche Glaube als Ganzes nur noch für die Anerkennung einer höheren Macht gehalten wird. Ich erkenne ja die Problematik, dass es keine „allgemein religiösen“ Symbole gibt, und der Rückgriff auf das Kreuz ist auch berechtigt, weil unsere gesellschaftlichen Werte stark auf den Worten Jesu basieren. Ich habe nur meine Zweifel, ob die Verwässerung christlicher Symbolik in unserem Interesse sein kann.

    Zur Minarettfrage: Ich bin der Meinung, dass der Bau von Minaretten nach den gleichen Gesetzen und Vorschriften genehmigt (oder eben nicht genehmigt) werden sollte, wie der von Kirchtürmen oder buddhistischen Tempeln. Da spielen z. B. Lärmschutzfragen eine Rolle, die ja auch den Einsatz von Glocken bei vielen Kirchenneubauten verhindern, oder die vorgeschriebene Anpassung an den örtlichen Baustil. Es gibt sicher einige Architekten, die gerne ein Minarett entwerfen würden, das sich in eine mittelfränkische Wohnsiedlung einfügen würde. Gesetze zum Schutz unserer Kultur, an denen sich die Muslime messen lassen müssen, gibt es bereits. Gesetze, die von staatlicher Seite spezifische religiöse Symbole im öffentlichen Raum verbieten (oder vorschreiben), lehne ich ab.


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