Querverweis

13. März 2016

Der letzte Eintrag in diesem Blog liegt nun schon fast zweieinhalb Jahre zurück. Aus gegebenem Anlass habe ich mich entschlossen, einen Neuanfang zu wagen. Mein neuer Blog soll persönlicher werden und sich mehr auf ein Thema konzentrieren. Außerdem möchte ich kürzere Einträge schreiben, dafür aber häufiger posten. Neugierig geworden? Hier gehts zu meinem neuen Blog Herz im Wandschrank.

Und hier? Zunächst möchte ich mich auf meinen neuen Blog konzentrieren und habe keine konkreten Pläne für Einträge auf dieser Seite. Trotzdem: „Das Wesen der Dinge“ ist nicht tot, sondern schläft nur. Vielleicht habe ich irgendwann Muße, diesen Blog wieder aufzuwecken und mich wieder in gewohnter Weise über das Wesen einiger recht unterschiedlicher Dinge auszulassen.

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Protest 21

3. Oktober 2010

Der Protest gegen das Eisenbahn-Großprojekt Stuttgart 21 wurde schon mit den Demonstrationen in der damaligen DDR im Herbst 1989 verglichen. Ich glaube nicht, dass der Vergleich möglich ist. Zu den beiden Volksaufständen in der DDR, dem erfolglosen von 1953 und dem erfolgreichen von 1989, gibt es in der deutschen Nachkriegsgeschichte nichts Vergleichbares und wird es auch hoffentlich in der Zukunft nicht geben.

Das Problem ist: Mit was soll man die Proteste und Demonstrationen in Stuttgart sonst vergleichen? Der Widerstand gegen Stuttgart 21 erhebt sich aus der Mitte der Gesellschaft, und das ist (zumindest für deutsche Verhältnisse) eher ungewöhnlich. Dass bei dem gewaltsamen Polizeieinsatz am vergangenen Donnerstag auch Kinder und alte Leute verletzt wurden, liegt schlicht daran, dass auch Familien mit Kindern und alte Leute sich gegen das Projekt einsetzen. Dazu gehören auch die alteingesessenen Stuttgarter, die in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg lieber gefroren haben, als die Bäume des traditionsreichen Stuttgarter Schlossgartens zu verheizen. Sie sind für mich ein Symbol dafür geworden, aus welchen Motivationen sich der Widerstand speist.

Ungewöhnlich ist auch der Ort. Auch wenn eine gewisse kritische Distanz zur Obrigkeit bei den Schwaben zur Tradition gehört: Als beliebter Standort für Proteste ist Stuttgart nun wirklich nicht bekannt. Der Einsatz von Wasserwerfern in den vergangenen Tagen war in dieser Stadt der erste seit über 40 Jahren. Was treibt zehntausende von braven Schwaben neuerdings so regelmäßig auf die Straße?

Ich glaube, für viele Stuttgarter ist das Maß einfach voll. Auch die Stadtverschandelung hat in Stuttgart mittlerweile Tradition. Schon vor 25 Jahren hat der schwäbische Historiker und Mundartautor Gerhard Raff angesichts verschiedener städtebaulicher Maßnahmen den Begriff „Beton-Württemberg“ geprägt. Mit dem Bonatz-Bau und vor allem dem traditionsreichen Schlossgarten werden nun wieder zwei Symbole Stuttgarts teilweise zerstört, um einer weiteren Beton-Monströsität Platz zu schaffen. Natürlich spielen auch die großen Kosten eine Rolle – Geld, das an anderer Stelle dringend benötigt wird – aber ich glaube, die Stuttgarter fürchten vor allem um die Seele ihrer Stadt. Wo es um die Heimat von Menschen geht, reichen Nützlichkeitserwägungen alleine nicht aus.

Damit setzen sich die Stuttgarter Bürger an die Spitze einer Bewegung, die sich in Deutschland schon länger abzeichnet. Die Krise um Stuttgart 21 ist nämlich auch eine Krise der repräsentativen Demokratie. Viele Bürger fühlen sich durch ihre Repräsentanten nicht mehr repräsentiert. Auch wenn sich in Baden Württemberg die CDU und die Grünen als Protagonisten des Konflikts gebärden, geht der Riss doch nicht nur zwischen den Parteien hindurch. Er trennt mehr und mehr den Apparat der Parteiendemokratie vom Volk, das dieser eigentlich repräsentieren sollten.

Die Parteien haben nach dem Grundgesetz den Auftrag, an der politischen Willensbildung mitzuwirken. Leider entsteht mittlerweile immer häufiger der Eindruck, dass die Parteien die politische Willensbildung unter sich ausmachen, und der Bürger nur noch alle vier oder fünf Jahre das Ergebnis abzunicken hat. Die Folge: Wir fühlen uns ohnmächtig, und das ist kein der Demokratie förderliches Gefühl. Die gewaltsame Räumung des Schlossgartens mag rechtlich sogar in Ordnung gewesen sein, sie ist jedoch zu einem Fanal der Ohnmacht des Volkes gegenüber der selbst gewählten Regierung geworden.

Das alles wirft die Frage auf, wie Demokratie funktioniert, wie Demokratie funktionieren soll. Wir müssen uns mal wieder überlegen, was wir unter Demokratie verstehen, und wie wir uns Demokratie wünschen. Das ist kein neuer Vorgang. Unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung ist immer eine gefährdete. Dabei sind Gewohnheit und verkrustete Strukturen auf Dauer nicht weniger schlimm als Populismus und Machtkonzentration. Der ehemalige Richter am Bundesverfassungsgericht Ernst Wolfgang Böckenförde sagte einmal: „Der freiheitliche säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“ Diese Voraussetzungen zu erhalten und ständig neu zu schaffen ist Aufgabe einer jeden demokratischen Gesellschaft. Ein Teil davon findet zur Zeit in Stuttgart statt.

Die Revolution ist ein wesenseigener Anteil jeder funktionierenden Demokratie. Wo Revolution nicht als kontinuierlicher Vorgang gelingt, muss sie als wiederkehrende Phase auftreten. Nachdem die Väter und Mütter des Grundgesetzes der Demokratie in Westdeutschland einen gelungenen Start bereitet haben, waren die 68er eine erste solche Phase. Man mag über die damaligen Inhalte denken, was man will: Das hinterfragen von Autorität und Staatsmacht in der damaligen Zeit war sie für unsere Demokratie überlebenswichtig.

Die glücklichste Revolution in Deutschland war zweifellos die Wende in der DDR, die vor 20 Jahren zur Wiedervereinigung des geteilten Deutschlands geführt hat. Sie mag – zumindest was das Ziel politischer Veränderungen aus bundesrepublikanischer Sicht betrifft – als verpasste Chance gewertet werden. Andererseits musste unser Volk ohnehin mit gewaltigen Veränderungen zurechtkommen, so dass politische Stabilität auf der Basis des Bewährten vermutlich die bessere Wahl war.

Wiederum sind 20 Jahre vergangen, und es wird meiner Meinung nach Zeit, mal wieder eine gute Portion Revolution zu wagen. Wir werden darüber nachdenken müssen, wie angesichts veränderter Werte, veränderter Kultur und einer veränderten Medienlandschaft eine repräsentative Demokratie am besten funktionieren kann. Und wir werden uns damit auseinandersetzen müssen, wie unser Volk angesichts vielfach begrenzter Ressourcen den Begriff Lebensqualität definiert.

Wir dürfen diese Fragen nicht dem Parteiengezänk überlassen. Wir müssen gesellschaftliche Debatten zurück in die Gesellschaft tragen. Vergessen wir nicht, dass wir der Souverän und Politiker auch nicht mehr als normale Bürger sind. Ein Hoch auf die Stuttgarter, die uns das gerade in Erinnerung rufen.

Neu: Musik-Tipps

4. Juli 2008

Wie in „Musikindustrie“ erzählt habe ich in letzter Zeit ein paar musikalische Entdeckung im Internet gemacht. Was man selbst gerne hört, empfiehlt man natürlich auch gerne weiter, zumal wenn es sich um eher unbekannte Künstler handelt. Deshalb erlaube ich mir, auf einer eigenen Seite ein paar solche Entdeckungen vorzustellen. Zum Start — damit es sich auch lohnt — sind es vier an der Zahl, die aus den letzten zwölf Monaten stammen. Weitere werden natürlich folgen, wenn ich mal wieder auf etwas stoße.

Es geschieht! Auf besonderen Wunsch einer einzelnen Person eröffne ich hiermit mein Blog. Es soll ein Platz sein für die kleinen Gedankengänge des Alltags. Meinungen, Analysen und Kommentare, die aus Freude am Denken entstehen und aus Mangel an Gelegenheit meist wieder verloren gehen. Bei den meisten ist das auch besser so, aber manche mögen es wert sein, einer kleinen Öffentlichkeit zugänglich gemacht zu werden.

Die Themen werden so vielfältig sein wie meine Interessen. Es mag um Physik und Technik gehen, um Musik, um Eisenbahn und natürlich um die Bibel und ihren großartigen Autor und Protagonisten. Das Spannendste dabei ist, die Oberfläche hinter sich zu lassen und – getragen von mutigem Halbwissen – zum Kern, zum Wesen einer jeden Sache vorzustoßen. Die faustische Begierde eben, „zu wissen, was die Welt im Innersten zusammenhält.“ Nach Möglichkeit möchte ich den zugehörigen Größenwahn weglassen, auch wenn das Blog-Motto dazu ein schlechter Anfang sein mag.

Zum Wesen des Blogs gehört das Unfertige. Deshalb werde ich, auch wenn hier alles noch recht leer und provisorisch erscheint, auf lustige „under construction“-Animationen verzichten. Wer unbedingt ein schaufelndes Männchen sehen möchte, sei auf die Bürgerinitiative für animierte Verkehrszeichen verwiesen.

So, genug der Vorrede, Selbstreflektion und Versprechungen. Der nächste Eintrag wird ein richtiges Thema haben. Versprochen.