Loops und Samples

25. August 2010

Bei jeder neuen Technologie von Belang, die eingeführt wird, ist das eigentlich Interessante nicht die neuen technischen Möglichkeiten, sondern die kulturellen Veränderungen, die durch diese Möglichkeiten ausgelöst werden.

Das trifft auch auf den Einfluss der Computertechnologie auf die Musik zu. Dabei meine ich weniger die neuen Möglichkeiten von Verbreitung und Konsum, mir geht es vielmehr um neue künstlerische Ausdrucksformen, die durch elektronische Datenverarbeitung erst möglich geworden sind.

Dass technische Verbesserungen die Entwicklung der Musik beeinflussen, ist keineswegs neu. Die temperierte Stimmung (Link weist auf ein Word-Dokument) – im Kern ein technisches Verfahren – hat den Bau und die Einsatzmöglichkeit vieler Instrumente beeinflusst. Und wer schon mal eine Aufnahme mit originalen oder original nachgebauten Instrumenten aus der Barockzeit gehört hat, wird zustimmen, dass viel von der Musik der Romantik mit diesem Instrumentarium kaum spielbar gewesen wäre.

Der erste nennenswerte Einfluss des Computers auf das Musikschaffen besteht in neuen Klangformen. Erstmals ist es möglich, Töne zu erzeugen, die nicht auf physikalischen Schwingungen beruhen. Dabei waren die neuen Klangformen zunächst eher durch die eingeschränkten technischen Möglichkeiten als durch freie Wahl des Künstlers geprägt. Die Angehörigen der Generation C64 werden sich mit mir noch an den spezifischen, wiedererkennbaren Klang des SID, des C64-Soundchips erinnern. Auch viele Synthesizer haben durch ihre spezifischen Eigenschaften den Klang vieler Musikstücke mitgeprägt.

Seit dem SID ist mittlerweile ein Vierteljahrhundert vergangen. Heute wäre es technisch möglich (davon gehe ich einfach mal aus), auch den komplexen Klang einer Violine rein synthetisch zu erzeugen. Aber was wäre damit gewonnen? Man würde letztlich nichts anderes erreichen, als was Violinisten seit Jahrhunderten tun. Nur dass man statt eines Studiomusikers einen Computerexperten beschäftigt.

Andererseits ermöglicht es der Computer, praktisch beliebige Klänge zu erzeugen. Aber die Erfahrung lehrt, dass die meisten Zuhörer beliebige Klänge nicht mögen. Der spektakulär geringe Erfolg weiter Teile der atonalen Musik, sich wirklich nennenswert auf die allgemeinen Hörgewohnheiten auszuwirken, spricht eine deutliche Sprache.

Neben der Klangerzeugung selbst hat auch die Nachbearbeitung von Musik durch die Computertechnologie eine Veränderung erfahren. Zwar war es schon mit Mehrspur-Tonband und Mischpult möglich, Musik neu zusammenzustellen und abzumischen, doch erst die Computerisierung dieser Möglichkeiten hat die entscheidenden Erleichterungen und Verbesserungen mit sich gebracht, dass sich der Remix von einem technischen Verfahren zu einer Möglichkeit des Kunstschaffens entwickelt hat.

Aufmerksam auf diese neue Form der Musik bin ich kurz vor der letzten Bundestagswahl durch den Wahlwerbespot der Piratenpartei, der so ein Musikstück als Hintergrundmusik verwendet. Es handelt sich um ein Werk des australischen Musikers Pogo, der bei den meisten seiner Musikstücke Klangschnipsel aus einem bekannten Kinofilm nimmt und sie zu einer völlig neuen, faszinierenden Klangwelt zusammenstellt, die mit der ursprünglichen Filmmusik kaum etwas gemein hat, aber erstaunlich viel von der Grundstimmung des verwendeten Films transportiert. Im Piratenwerbespot wurde das Werk Expialidocious verwendet, das aus Disneys Mary Poppins entstanden ist. Pogo selbst darf dieses Musikstück aufgrund eines Übereinkommens mit Disney nicht mehr verbreiten, was interessant ist, weil gerade die Piratenpartei ja – ach was, die politische Seite hebe ich mir für einen späteren Artikel auf.

Es ist aber dennoch bei Youtube noch online. Einbetten möchte ich aber ein neueres Werk von ihm, das erstmals allein aus selbst aufgenommenem Material besteht und eine Hommage an die Mutter des Künstlers und ihren Garten darstellt:

Dass diese Art von Musik auch live funktioniert, habe ich auf dem diesjährigen Bardentreffen erlebt. Der Fürther Musiker Schimmy Yaw trat dort auf, bzw. er saß auf der Bühne hinter einem kleinen Tisch, auf dem die versammelte Technik aufgebaut war, und sampelte und loopte sich live durch einige seiner Songs. Das Ganze kam recht Nerd-haft rüber, zumal Schimmy Yaw wenig Bühnenpräsenz rüberbrachte. Das erzeugte allerdings den interessanten Effekt, dass der Künstler hinter seinem Werk zurücktrat und die Musik ganz in den Vordergrund rückte. Einige der Samples, aus denen seine Werke bestehen, nahm er live auf. Mehrstimmigkeit erzeugte er, indem er die Stimmen nacheinander ins Mikrophon sang und jeweils als Loop weiterlaufen ließ. Dabei entstanden interessante und faszinierende Klanggebäude.

Obwohl sich der Künstler dabei sicher an einen vorgefertigten Ablauf hielt, hatte man das Gefühl, bei der Entstehung eines Werkes live dabei zu sein. Insgesamt war sein Auftritt ein sehr ungewohntes Erlebnis, was aber keineswegs negativ gemeint ist.

Die Kunstform, mit Loops und Samples aus vorhandenen Aufnahmen neue Werke entstehen zu lassen, muss sich nicht auf die Musik beschränken. Der britische Künstler Cyriak produziert Vergleichbares mit bewegten Bildern. Sein liebenswert-skurriles Werk Cycles sei hier beispielhaft gezeigt:

Ich bin mir dessen bewusst, dass ich von der aufstrebenden Remix-Szene nur einen kleinen Bruchteil kenne. Ich denke dennoch, dass hier eine neue Kunstform entsteht, die neue künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten erschafft und verwendet, und dass hier dank elektronischer Datenverarbeitung der Raum für tatsächlich neue, künstlerisch hochwertige Werke geschaffen wird. Was da entsteht, mag ungewohnt sein, ist aber durchaus gefällig und hat das Potenzial, sich einen festen Platz in der Welt der Musik zu erarbeiten.

Neu: Musik-Tipps

4. Juli 2008

Wie in „Musikindustrie“ erzählt habe ich in letzter Zeit ein paar musikalische Entdeckung im Internet gemacht. Was man selbst gerne hört, empfiehlt man natürlich auch gerne weiter, zumal wenn es sich um eher unbekannte Künstler handelt. Deshalb erlaube ich mir, auf einer eigenen Seite ein paar solche Entdeckungen vorzustellen. Zum Start — damit es sich auch lohnt — sind es vier an der Zahl, die aus den letzten zwölf Monaten stammen. Weitere werden natürlich folgen, wenn ich mal wieder auf etwas stoße.

Musikindustrie

28. Juni 2008

Schon die Überschrift ist eigentlich ein Widerspruch in sich: Musik ist eine Kunstform, und Kunst entzieht sich naturgemäß den Prozessen industrieller Produktion.

Nun habe ich seit längerem den Eindruck, dass die Verantwortlichen dessen, was man gemeinhin als Musikindustrie bezeichnet, anderer Meinung zu sein scheinen. Auf der deutschsprachigen Homepage des jungen Musikers Mika bin ich auf ein paar Sätze gestoßen, die mich in diesem Eindruck bestätigen:

Damals arbeitete ich gerade mit einer großen Firma in London zusammen, und die hatten sich zum Ziel gesetzt, aus mir das nächste große Ding zu machen. Wie das passieren sollte, war ihnen egal. Darum haben sie andauernd versucht, mich in Richtung Chart-Künstler zu verbiegen – und der typische Chartstürmer war zu jener Zeit gerade Craig David. Sie erzählten mir, dass ich unbedingt eine Platte aufnehmen müsste, die genau den Popstandards entspricht – und dadurch genau wie Craig David klingt! Ich wusste sofort, dass unsere Zusammenarbeit nur in einem absoluten Desaster enden konnte.

Auf der erwähnten Seite von Mika sind einige Musikvideos von ihm zu sehen. Und auch auf der deutschen Seite von Craig David erklingt eine Kostprobe seines Schaffens. Das, was Mika mittlerweile macht, ist sicherlich Geschmackssache. Aber die Idee, ihn im im Stil von Craig David musizieren lassen zu wollen, kann man doch nur noch als absurd bezeichnen.

Es mag ja sein, dass die schlechte Kopie des Erfolgs zunächst finanziell mehr einbringt, als das unberechenbare, weil künstlerisch eigenständige Original. Das geht aber nur so lange gut, wie es noch genügend Originale zu kopieren gibt. Die von Mika beschriebenen Versuche, den Erfolg planbar zu machen, haben zu einem kontinuierlichen Umsatzrückgang in der Musikindustrie geführt. Illegale Musikdownloads mögen ein Teil des Problems sein, aber meiner Meinung nach nicht der Kern davon.

Apropos Downloads: Mika ist jetzt der dritte Künstler in Folge, den ich über YouTube kennen gelernt habe, und dessen Album ich mir erst dann zugelegt habe, nachdem ich mich — über YouTube oder über die Homepage des Künstlers selber — mehrere Lieder komplett angehört habe und mich davon überzeugt habe, dass mir die Musik auch wirklich gefällt. Freie Musik im Internet hat in meinem Fall den Künstlern und Labels mehr Umsatz beschert, nicht weniger.

Was mich dazu bewegt, für Musik zu bezahlen, die ich auch frei hören könnte? Der Gedanke, dass ein guter Künstler auch gutes Geld verdienen sollte, spielt eine Rolle, aber vielleicht nicht mal die dominierende. Auch praktische Erwägungen und Fragen der technischen Qualität der Musik sind nicht unwichtig. Ich glaube aber, es geht mir letztlich so, wie Steve Jobs das sagte: Menschen wollen Musik besitzen. Die eigene handverlesene Kollektion im (virtuellen) Regal zu haben, ist etwas, was auch im digitalen Zeitalter noch einen besonderen Reiz für mich hat.

Mich würde mal interessieren, ob es nicht nur mir so geht. Ich gehöre ja noch zu der Generation, die ihre Schallplatten gepflegt hat — ich habe immer noch ein paar erlesene Exemplare da, die ich nicht missen möchte. Vielleicht habe ich einfach dieses Gefühl auf die CD und später auf den digitalen Download übertragen. Gehöre ich zu einer aussterbenden Rasse? Stirbt das Bedürfnis, Musik zu besitzen, mit dem Tonträger? Oder behält die „eigene Sammlung“ auch im Zeitalter des digitalen Downloads ihren besonderen Reiz? Ich bin gespannt auf Eure Kommentare.

Geistliche Musik

30. Dezember 2007

Es ist an der Zeit, mal wieder eine neue Rubrik aufzumachen …

„Geistliche Musik“ war der Titel eines Buches, das ich vor Jahren mal in die Finger bekommen habe. Der Autor warf — weitgehend unbehindert durch Fachkenntnis — fast sämtliche zu seiner Zeit modernen Musikstile in einen großen Topf, rührte kräftig um und servierte dieses ungare Ragout als satanisch durchdrungen. Wir haben seinerzeit das Buch zusammen mit einigen anderen in eine Art literarischen Giftschrank verbannt. Ich hoffe, es ist mittlerweile vernichtet worden.

Die Frage an sich wird ja immer wieder aufgeworfen: Gibt es Musikrichtungen, die man als Christ meiden muss? Als Kandidaten dafür wurden ja schon so unterschiedliche Stile wie Oper, Marschmusik, Schlager, Rock ’n’ Roll und Heavy Metal angegeben. Es ist nicht einfach zu sehen, was diese Musikrichtungen gemeinsam haben sollen.

Auch wenn man es zu Zeiten von „Deutschland sucht den Superstar“ nicht mehr so recht vorstellen mag, Musik ist und bleibt eine Kunstform, und als solche ist sie wie jede Kunstform hochgradig abhängig von der Kultur, in der sie entsteht. Das zeigt schon ein Blick in die Vergangenheit: Die Musik des späten 19. Jahrhunderts, die in unseren Ohren romantisch und weich klingt, wäre für die Menschen des 17. Jahrhundert dissonant und schwer erträglich gewesen. Umgekehrt war Moll im 17. Jahrhundert das Tongeschlecht für romantische Gefühle und durchaus für Liebeslieder geeignet. Heute empfinden wir Moll als eher traurig und würden die Ode an die geneigte Angebetete doch eher in Dur komponieren.

Musik ist kulturgebunden und nur aus der jeweiligen Kultur heraus zu verstehen. Das gilt insbesondere für Musikstile, die sich in einer Subkultur gebildet haben. Der verantwortungsvolle, leicht spießige Familienvater fortgeschrittenen Alters (das Material, aus dem üblicherweise Gemeindevorstände zusammengesetzt sind) kann z. B. Punk Rock als Musikrichtung nicht verstehen, weil er (naturgemäß) keinen Zugang zur Punk-Kultur hat. Deshalb ist er auch nicht qualifiziert, ein Urteil über die geistliche Qualität von Punk Rock abzugeben. Das ist jetzt ein bisschen böse formuliert, aber man darf nicht vergessen, dass man nur das beurteilen kann, worin man sich auskennt. Eine schlichte Tatsache, die gerade in der einschlägigen Literatur über Musik aus christlicher Sicht oft ignoriert wird.

Reden wir über Inhalte. Eigentümlicherweise ist die Musik selbst im Gegensatz zu anderen Kunstformen nicht dazu in der Lage, unbekannte Inhalte zu transportieren. Besonders deutlich wird das in der Programm-Musik des späten 19. Jahrhunderts. In kaum einer anderen Musikrichtung werden Inhalte deutlicher durch bloße Musik vermittelt. Dennoch ist z. B. die Moldau von Smetana nur mit einer soliden Portion Hintergrundwissen an Geographie, Kultur und Politik zu verstehen. Und auch Richard Strauß’ „Till Eulenspiegels lustige Streiche“ erscheint ohne Kenntnis der literarischen Figur des Till Eulenspiegel zusammenhanglos und banal. Der Transport von Inhalten über Musik kommt nie ohne bereits vorhandenes Wissen beim Hörer aus. So etwas wie satanische Musik kann es deshalb ebenso wenig geben wie christliche Musik, humanistische Musik oder buddhistische Musik. Das Medium Musik allein kann solche komplexen Inhalte nicht transportieren.

Natürlich kann Musik Gefühle und Stimmungen ausdrücken oder über Assoziationen wirken. Aber das ist hochgradig abhängig von der musikalischen Vorbildung und hör-Erwartung des Zuhörers. Jeder Mensch interpretiert unbewusst oder bewusst Musik mit der von ihm gewohnten musikalischen Formensprache. Die gleichen Werke der klassischen Musik können bei Hörern unterschiedlichen kulturellen Hintergrundes höchste Spannung oder tödliche Langeweile auslösen. Manche Bereiche der Rockmusik machen den einen aggressiv und versetzen den anderen in Partystimmung.

Apropos Aggressivität: Dem Heavy Metal wird oft vorgeworfen, dass er genau diese Stimmung transportiere. Dass das für — sagen wir mal — den typischen Schlagerhörer der Fall ist, sei unbestritten. Aber welche Gefühle drückt diese Musik im kulturellen Hintergrund des typischen Metal-Hörer aus? Da ich nicht dieser Gruppe angehöre, muss ich die Frage offen lassen. Vielleicht kann mir da jemand weiterhelfen …

Aber selbst wenn: Wieso soll es denn keine Musik geben, die Aggressivität ausdrückt? Immerhin handelt es sich dabei um eine zwar unschöne, aber nun mal weit verbreitete Eigenschaft des Menschen. Und wenn die Kunst den Menschen ernst nimmt, muss sie auch bereit sein, das ganze Spektrum menschlichen Daseins auszudrücken. Ich halte nichts von einem Kunstbegriff, der nur das schöne, lehrreiche und wünschenswerte propagiert. Ein solcher Kunstbegriff würde auch solche Werke wie Edvard Munchs „Der Schrei“ ausklammern. Ein Gemälde, das wohl kaum als „schön“ bezeichnet werden kann, das aber aufgrund seiner Ausdrucksstärke zurecht zu den größten Meisterwerken der Malerei zählt. Auch in der Musik müssen solche Ausdrucksformen und Inhalte erlaubt sein. Nicht zuletzt, weil es besser ist, diese stachligen, aber menschlichen Gefühle über die Kunst auszudrücken und damit vielleicht zu überwinden, als dass sie über andere Wege unvermittelt hervorbrechen.

Wo ist nun eine Grenze zu ziehen? Gibt es überhaupt Musik, die Christen meiden sollen? O ja, die gibt es! Aber wir werden wieder einmal zurückgeworfen, auf das Pauluswort (in 1. Korinther 10, 23), dass zwar alles erlaubt sei, aber nicht alles zum Guten diene. Je größer die Unterschiede der Kulturen, desto größer die Unterschiede dessen, was man sich zumuten mag, und wovon man besser die Finger (oder die Ohren?) lassen sollte. Und die Unterschiede sind groß. Versteht etwa der Bach-Liebhaber den Metaler oder der Hip-Hopper den Punk-Rocker? Jeder muss für sich Grenzen setzen. Da gibt es keine Ausreden. Aber diese Grenzen können nur innerhalb der jeweiligen Kultur oder Subkultur richtig sein.

Zwei Schlussbemerkungen seien mir erlaubt: Erstens habe ich hiermit noch nichts über die Texte gesagt. Das ist ein eigenes Thema und gehört eher in den Bereich der Literatur als den der Musik. Und zweitens: Ja, ich halte Metal, Hip-Hop, Punk-Rock und Techno für Kunst. Die künstlerische Schöpfungshöhe ist bei manchen Künstlern dieser Stilrichtungen erstaunlich groß. Größer als bei den meisten Werken, die sich in christlichen Liederbüchern finden.