Das anthropische Prinzip

19. September 2010

Eigentlich ist unsere gute alte Erde ein ganz angenehmer Ort – zumindest wenn man sie mit den anderen Himmelskörpern unseres Sonnensystems vergleicht. Da gibt es welche, die sind glühend heiß, andere sind bitter kalt. Manche haben keine Atmosphäre, andere noch nicht mal eine Oberfläche.

Aber warum ist denn die Erde so ein angenehmer Ort? Nun, wir wären nicht hier, wenn es nicht so wäre. Die Frage, warum es einen Ort gibt, an dem intelligentes Leben möglich ist, kann nur gestellt werden, wenn es einen solchen Ort gibt. Oder anders formuliert: Da es intelligentes Leben auf der Erde gibt, ermöglicht sie intelligentes Leben.

Möglicherweise bedarf es einer extrem feinen Abstimmung verschiedener Randbedingung, um aus der Erde erst einen Planeten zu machen, auf dem Wesen wie wir existieren können. Es mag noch so erstaunlich sein, dass genau die Erde diese Vielzahl an Bedingungen erfüllt, aber aufgrund unserer Anwesenheit muss es einfach so sein. Die Existenz menschlichen Lebens setzt die Existenz eines geeigneten Planeten voraus. Und da wir hier sind, ist die Erde so ein Planet.

Man könnte auch sagen, wir haben eine selektive Wahrnehmung. Da wir nur auf einem lebensfreundlichen Ort existieren können, sehen wir auch nur Randbedingungen, die zu einem lebensfreundlichen Ort gehören. Wenn zum Beispiel von den vielen verschiedenen Größen von Sternen nur eine bestimmte Größenklasse Leben in ihrer Umlaufbahn ermöglicht, dann kann dieses Leben nun mal nur diese Größenklasse aus nächster Nähe beobachten und untersuchen.

Dieser Gedankengang wird seit den Siebziger Jahren als anthropisches Prinzip bezeichnet, und es gibt ihn in zwei Varianten: Bei der schwachen Variante geht man davon aus, dass es unter den vielen Planeten bestimmt den einen oder anderen gibt, der intelligentes Leben ermöglicht. Wenn es solche Orte also sowieso gibt, dann ist es nur logisch, dass wir uns an einem solchen Ort befinden. Die außergewöhnlich freundlichen Eigenschaften der Erde sind also kein erstaunlicher Zufall, sondern lediglich ein Produkt aus einfacher Statistik und der schlichten Tatsache, dass intelligentes Leben nun mal nur da existiert, wo es existieren kann. In diesem Fall kann das anthropische Prinzip vollständig erklären, warum gerade unser Planet so angenehme Eigenschaften hat.

Wenn man nun annimmt, dass die Eigenschaften der Erde wirklich extrem ungewöhnlich sind, so ungewöhnlich, dass es schon erstaunlich ist, dass überhaupt ein solcher Planet im Universum existiert, dann sind wir beim starken anthropischen Prinzip angelangt. Es gilt immer noch die Aussage, dass die Erde ein lebensfreundlicher Ort sein muss, weil wir sonst nicht hier wären, um über diese Tatsache nachzudenken. Aber es taugt nicht mehr als Erklärung, warum die Erde so ist, wie sie ist. Die Frage, warum gerade unser Planet so angenehme Eigenschaften hat, wird zurückgeführt auf die Frage, warum überhaupt ein Planet hinreichend angenehme Eigenschaften hat. Im Gegensatz zum schwachen anthropischen Prinzip bleiben aber beide Fragen unbeantwortet.

Das anthropische Prinzip lässt sich auf alle Eigenschaften und Vorgänge anwenden, die mutmaßlich dazu beigetragen haben, dass wir Menschen existieren als eine Spezies, die das anthropische Prinzip formulieren und darüber nachdenken kann. Es geht um die Enstehung der Arten wie um die Entstehung des Lebens an sich. Man kann es auf die Existenz unseres Sonnensystems sowie auf die Existenz des ganzen Universums anwenden. Es geht um unsere Existenz an sich. Damit hat die Frage, ob es sich um das schwache oder das starke anthropische Prinzip handelt, zutiefst philosophische Bedeutung. Wenn sich alle Fragen unserer Existenz auf das schwache Prinzip zurückführen lassen würden, wäre der Glaube an einen Schöpfergott (rein aus logischer Sicht) überflüssig. Umgekehrt wäre der Nachweis, dass man das starke anthropische Prinzip zur Erklärung unserer Existenz benötigt, ein starkes Indiz für die Existenz eines solchen Schöpfers.

Kein Wunder also, dass sich naturwissenschaftlich interessierte Atheisten und Christen gerne über genau dieses Problem streiten – stark oder schwach, das ist hier die Frage. Dabei geht es bei der Unterscheidung zwischen den beiden Prinzipien in erster Linie um Fragen der Statistik.

Nehmen wir uns einmal die Existenz der Erde vor. Sagen wir, es gäbe P verschiedene denkbare Planeten, also P verschiedene Möglichkeiten, wie die Eigenschaften eines Planeten sein könnten. Dann seien PL die verschiedenen Möglichkeiten, wie ein Planet sein könnte, der intelligentes Leben ermöglicht. Dann sei die Wahrscheinlichkeit, dass ein beliebig zufällig ausgewählter Planet intelligentes Leben ermöglicht, PL/P.

Allein diese Behauptung ist schon in zweierlei Hinsicht problematisch. Erstens müssen die verschiedenen Möglichkeiten innerhalb von P gleichverteilt sein, das heißt, alle möglichen Planeten innerhalb von P sind gleich wahrscheinlich. Das lässt sich mit ein wenig Mathematik schon so hinrechnen, aber es setzt voraus, dass wir genügend Kenntnisse über die Wahrscheinlichkeit verschiedener Planeteneigenschaften haben.

Zweitens haben wir noch gar nicht geklärt, welche Art von Wahrscheinlichkeit wir eigentlich meinen. Es gibt nämlich prinzipiell zwei Arten: Die A-priori-Wahrscheinlichkeit schließt aus den Eigenschaften des Systems auf die Wahrscheinlichkeit bestimmter Ereignisse, bevor diese eintreten. Die A-posteriori-Wahrscheinlichkeit wird aus der Verteilung der tatsächlich eingetretenen Ereignisse berechnet, ohne dass man dazu die Eigenschaften des Systems kennen muss. Dafür braucht man allerdings eine hinreichend große Zahl von Ereignissen, die bereits stattgefunden haben.

Bei einem gut gearbeiteten Würfel gehen wir zum Beispiel davon aus, dass alle Zahlen gleich wahrscheinlich sind. Das wäre eine A-priori-Wahrscheinlichkeit. Es gibt aber auch gezinkte Würfel, die sich äußerlich nicht von normalen Würfeln unterscheiden, bei denen aber gerade nicht alle Zahlen gleich wahrscheinlich sind. Das heißt, die A-priori-Wahrscheinlichkeit versagt bei gezinkten Würfeln, weil wir die Systemeigenschaften nicht genau genug kennen. Die Unterscheidung zwischen gezinkten und nicht gezinkten Würfeln gelingt nur über eine A-posteriori-Wahrscheinlichkeit, wobei ein besserer Mathematiker als ich sagen müsste, wie oft man den Würfel werfen müsste, um eine zuverlässige Aussage zu bekommen. Das kann selbst bei einem so einfachen System wie einem Würfel leicht mal in die Tausende gehen.

Es liegt in der Natur der Sache, dass wir uns beim anthropischen Prinzip normalerweise nicht auf eine A-posteriori-Wahrscheinlichkeit beziehen können. Das heißt, wir brauchen genaue Kenntnisse über das betrachtete System. Das heißt auch, dass eine übersehene Systemeigenschaft unsere ganze schöne Rechnung über den Haufen werfen kann.

Für die Bestimmung des anthropischen Prinzips brauchen wir noch eine dritte Zahl, nämlich die Zahl der Exemplare N. Bezogen auf das obige Beispiel wäre das die Zahl der Planeten im Universum. Daraus lässt sich so eine Art anthropische Kennzahl berechnen: N·(PL/P). Ist diese Zahl deutlich größer als 1, so handelt es sich bei dem betrachteten Beispiel um das schwache anthropische Prinzip, ist die Zahl deutlich kleiner als 1 (also nahe 0), handelt es sich um das starke anthropische Prinzip.

Dass in vielen praktischen Beispielen die Zahlen N, P und PL (oder zumindest ein Teil davon) unendlich sind, ist kein prinzipielles Hindernis, erschwert die Sache aber zusätzlich, da mit Grenzübergängen gerechnet werden muss, wofür man möglicherweise zusätzliche Kenntnisse über die Eigenschaften des betrachteten Beispiels benötigt. Es reicht aber auch nicht, einfach N als unendlich anzunehmen, weil gerade in diesen Fällen auch PL/P gleich 0 sein kann.

Ein Beispiel für die Berechnung einer solchen Kennzahl findet sich in dem Buch „Evolution: Ein kritisches Lehrbuch“ von Reinhard Junker und Siegfried Scherer. Die Autoren schätzen darin aufgrund von einschlägigen bekannten Wahrscheinlichkeiten die Kennzahlen für einen einzelnen Evolutionsschritt ab. Dabei verwenden sie an vielen Stellen Werte, die bis zur äußersten Grenze des Glaubwürdigen auf ein möglichst großes Ergebnis von N·(PL/P) ausgewählt wurden. Sie kommen dabei auf eine Wahrscheinlichkeit PL/P für den Evolutionsschritt von 10–75. Bei einer Gesamtzahl N an jemals existiert habenden Exemplaren der betrachteten Lebewesen von 1046 ergibt sich N·(PL/P) zu 10–29. Damit müsste man für dieses Beispiel vom starken anthropischen Prinzip ausgehen.

Die Rechnung von Junker und Scherer ist dahingehend faszinierend, als sie zumindest zum Teil auf A-posteriori-Wahrscheinlichkeiten zurückgreifen kann, was bei Berechnungen zum anthropischen Prinzip leider sehr selten der Fall ist. Wie groß die Unsicherheiten innerhalb dieser Berechnung dennoch ist, zeigt die Tatsache, dass die Änderung von drei Detailannahmen die Kennzahl von 10–29 auf 10–94 abstürzen lässt. Viel relevanter für das anthropische Prinzip sind allerdings die Einwände derer, die das Ergebnis für zu klein halten.

So betrachten Junker und Scherer tatsächlich nur einen möglichen Evolutionsweg, nämlich den, den die Lebewesen auf der Erde tatsächlich eingenommen haben (sollen). Es ist sinnvoll anzunehmen, dass es viele verschiedene Möglichkeiten gibt, wie sich das Leben entwickeln könnte. Die Berechnung bezieht sich aber nur auf die verschiedenen Möglichkeiten, wie ein ganz bestimmter Evolutionsschritt von Statten gegangen sein könnte. PL ist zu klein gewählt und müsste noch mit der Anzahl der möglichen Evolutionsschritte mit zumindest ähnlichem Ergebnis multipliziert werden. Ein sehr schwer zu bestimmender, meiner Meinung nach hoch spekulativer Faktor.

Damit bewegen wir uns aber weg von A-posteriori-Wahrscheinlichkeiten und hin zu A-priori-Wahrscheinlichkeiten, die zudem in diesem Beispiel von besonders unsicherer und spekulativer Natur sind. Wenn wir PL mit einer wie auch immer zustande gekommenen Zahl von möglichen Evolutionsschritten multiplizieren, kommen wir zwar zu einem realistischeren Wert, entfernen uns aber gleichzeitig von bekannten Tatsachen. Ein Dilemma.

Selbst bei einem sehr einfachen, fassbaren Beispiel landen wir bei einer Zahl N·(PL/P), die mit Unsicherheiten von mehreren dutzend Größenordnungen behaftet ist, mit Unsicherheiten, die selbst schon jenseits jeder Vorstellungskraft liegen. Ob dem Ergebnis dann noch eine Aussagekraft zuzurechnen ist, darf bezweifelt werden.

Das heißt nicht, dass es falsch ist, sich mit diesen Zahlen zu beschäftigen. Aber es erklärt, warum man prinzipiell skeptisch sein sollte, wann immer jemand die Frage nach dem starken oder schwachen anthropischen Prinzip eindeutig in die eine oder andere Richtung entschieden zu haben glaubt. Das gilt auch, wenn dieser Jemand ein zweifellos brillanter Mathematiker und Physiker wie Stephen Hawking ist.

Der beschreibt zusammen mit Leonard Mlodinow hier und wohl auch in ihrem neuen Buch „The Grand Design“, dass er wichtige Fragen über Existenz und Struktur des Universums im Sinne des schwachen anthropischen Prinzips erklären kann. Ich zweifle nicht daran, dass seine Erklärungen genau so logisch und überzeugend sind wie Junkers und Scherers Berechnungen. Aber die zu Grunde liegende Physik enthält auch nicht weniger A-priori-Annahmen und mehr oder minder spekulative Theorien wie bei Junker und Scherer.

Will man das anthropische Prinzip in Bezug auf das ganze Universum untersuchen, braucht man nämlich eine einheitliche, in sich konsistente Theorie der vier Grundkräfte: der elektromagnetischen, schwachen und starken Wechselwirkung und der Gravitation. Zwar gibt es eine vereinheitlichte Theorie der elektromagnetischen und schwachen Wechselwirkung, die sich im Experiment vielfach bewährt hat, an einer Vereinheitlichung mit der starken Wechselwirkung ist man bisher aber ebenso gescheitert, wie an einer Quantentheorie der Gravitation. (Die ist nötig für eine einheitliche Theorie aller vier Kräfte.)

Nicht dass es dafür keine vielversprechenden Theorien und Hypotesen gäbe, aber die wenigen möglichen experimentellen Ansätze, um diese Theorien zu belegen, brachten bisher keine nennenswerten Erfolge. So fehlt zum Beispiel trotz extrem aufwändiger Experimente immer noch der Nachweis des Protonenzerfalls, der für eine einheitliche Theorie von elektromagnetischer, schwacher und starker Wechselwirkung unabdingbar zu sein scheint.

Hawking und Mlodinow können ihre Überlegungen also nur auf Theorien stützen, die von einer experimentellen Bestätigung noch sehr weit entfernt sind. Es ist natürlich legitim zu überlegen, welche Folgen die gängigen Theorien für die Frage nach dem anthropischen Prinzip haben. Wenn die beiden aber angeben, daraus eine Aussage über die Existenz Gottes ableiten zu können, hat das mehr mit gezielter Provokation und geschicktem Marketing zu tun als mit solider Physik.

Das ist natürlich nur eine Reaktion auf die Argumentationsweise der „Gegenseite“. Denn es gibt leider gerade auf der theistischen Seite eine zunehmende Tendenz, mehr oder minder spekulativen Berechnungen sehr kleiner „anthropischer Kennzahlen“ zu einem Beweis für die Existenz Gottes hochzustilisieren. Es würde natürlich beiden Seiten gut anstehen, auf dem Boden der wissenschaftlichen Tatsachen zu bleiben, aber warum sollte der Atheist Hawking das tun, wenn manche Teile der kreationistischen Szene diesen Boden nicht mal mehr mit dem Fernglas entdecken können.

Zu guter wissenschaftlicher Arbeit gehört immer die offene Kommunikation über die Grenzen der eigenen Theorien und die Unsicherheiten in den eigenen Annahmen. Ein guter Wissenschaftler erklärt nicht nur, warum er seine Theorie für zutreffend hält (allein schon das Wort „richtig“ wäre zu viel), sondern beschreibt auch die Argumente und Ansatzpunkte, mit denen gegebenenfalls nachgewiesen werden kann, dass seine Theorie falsch ist. Um eine Theorie zu überprüfen, sind nämlich gerade die Zweifel und Unsicherheiten das eigentlich wissenschaftlich Interessante.

Diese Zweifel kommen leider gerade in populärwissenschaftlichen Büchern, die häufig entweder aus der theistischen oder aus der atheistischen Sicht geschrieben werden, viel zu wenig vor. Immerhin verzichten sowohl Junker und Scherer als auch Hawking in ihren Schriften auf billige Polemik und lassen diese Zweifel zumindest gelegentlich auch mal zu Wort kommen. Das ist ein Anfang und macht ihre Bücher recht lesenswert, aber für eine echte wissenschaftliche Auseinandersetzung ist das noch zu wenig.

Was wissen wir denn über die Geschichte des Universums, das uns umgibt, und dessen Teil wir sind? Wesensmerkmal des anthropischen Prinzips – in beiden Formen – ist ja gerade die Beschränktheit unseres Horizontes. Unsere unmittelbare Wahrnehmung ist auf Lebensräume beschränkt, die unsere Existenz zulassen. Der Anteil des indirekten, des erst durch komplexe Schlussfolgerungen Zugänglichen an dem, was wir Wissen über das Universum nennen, ist enorm. Das am weitesten von uns entfernte von Menschen gemachte Objekt ist die Raumsonde Voyager 1. Die Entfernung beträgt unvorstellbare 17 Milliarden Kilometer. Trotzdem hat sie noch nicht einmal unser Sonnensystem verlassen. Der nächste Stern ist über 2000 mal weiter entfernt.

Schon in dieser (kosmologisch so geringen) Entfernung können uns neue Rätsel begegnen. Die etwas weniger weit entfernten Pioneer-Sonden wiesen vor dem Abreißen der Kommunikation eine winzige, aber messbare Abweichung von der berechneten Flugbahn ab, für die es noch keine Erklärung gibt. (Bei den Voyager-Sonden konnte der Effekt noch nicht nachgewiesen werden, weil die Sonden komplexer und damit die Störgrößen vielfältiger sind) Noch wird es als sehr unwahrscheinlich angesehen, dass sich hinter der Pioneer-Anomalie eine bisher unbekannte physikalische Kraft verbirgt. Aber dennoch zeigt das Phänomen, dass selbst in (kosmologisch gesehen) so geringer Entfernung mit neuen Erkenntnissen gerechnet werden muss. Dennoch ist die Entfernung so groß, dass gezielte wissenschaftliche Experimente in diesem Abstand zur Erde zwar vielleicht noch technisch möglich, aber doch zumindest auf absehbare Zeit völlig unbezahlbar sind.

Ich möchte keinesfalls klein reden, was die Menschheit in technischer und naturwissenschaftlicher Hinsicht erreicht hat. der Erkenntnisgewinn gerade des 20. Jahrhundert ist in jeder Hinsicht beeindruckend und verdient höchsten Respekt. Die vergebliche Suche nach dem Protonenzerfall, die aus kosmologischer Sicht so lächerlich kleine Reichweite der Raumsonden und viele andere große, aufwändige und teuere Experimente mit begrenzten Ergebnissen zeigen neben dem technisch-naturwissenschaftlichem Fortschritt auch die Grenzen des Machbaren und damit letztlich auch die Grenzen des menschlichen Erkenntnisvermögens. Manche mögen der Ansicht sein, dass die Frage nach dem starken oder schwachen anthropischen Prinzip bald geklärt würde oder sogar schon geklärt sei. Angesichts der Vielzahl der offenen Fragestellungen halte ich eine solche Ansicht für reichlich naiv.

Dabei könnte man sogar noch einen Schritt weitergehen. Man könnte argumentieren, dass die naheliegende Gleichsetzung des schwachen anthropischen Prinzips mit Atheismus und des starken anthropischen Prinzips mit Theismus keinesfalls zwingend ist. Dass ein Schöpfer als Erklärung nicht notwendig ist, heißt nicht, dass er nicht existiert. Und dass ein Ereignis unwahrscheinlich ist, heißt eben gerade nicht, dass es nicht eintreten kann. Zugegeben: Wenn die Wahrscheinlichkeit für ein Ereignis ausreichend hoch ist, ist es klug, davon auszugehen, dass es eintritt. Und wenn die Wahrscheinlichkeit ausreichend niedrig ist, kann man eigentlich davon ausgehen, dass es sicher nicht eintritt. Aber wo will man die Grenze ziehen? Wahrscheinlichkeiten sind tückisch. Sie können ein extrem starkes Argument darstellen. Ich möchte nur davor warnen, sie zum einzigen Argument zu machen.

Schließlich scheitern alle anthropischen Prinzipien und alle Weltanschauungen an der Erklärung der Existenz an sich. Jeder Versuch führt zu einem unendlichen Regress, jede Ursache ist wiederum Wirkung einer vorgelagerten Ursache. Hawking spricht von der spontanen Entstehung von Universen, muss sich aber auf ein gewisses Maß auf präexistente Naturgesetzen stützen, um dies begründen zu können. Und auch die christliche Lehre bietet hier keine wirkliche Antwort. Die Existenz des Universums wird auf die Existenz Gottes zurückgeführt, und die wiederum ist schlicht unerklärbar. Der unendliche Regress wird also nicht aufgelöst, sondern – wenn man so will – künstlich abgebrochen. Die Existenz selbst bleibt unerklärbar – unabhängig vom anthropischen Prinzip.

Ohnehin wird ein vernünftiger Mensch die Frage nach der Existenz Gottes nicht mit naturwissenschaftlichen Mitteln zu beantworten versuchen. Die Naturwissenschaft mag (und darf gerne) Indizien und Hinweise liefern. Außerdem ist sie sehr nützlich, verkehrte Weltanschauungen zu entlarven und verdrehte Gottesbilder zu korrigieren. Aber mit der Frage nach Gott insgesamt ist sie überfordert. Nein, nicht überfordert, die Naturwissenschaft ist dazu einfach das falsche Mittel. Wer wissen will, ob Gott existiert, muss einen anderen Erkenntnisprozess wählen, als den der Naturwissenschaft. Dieser Erkenntnisprozess mag weniger exakt und reproduzierbar sein als der naturwissenschaftliche, aber er ist in der Praxis viel wichtiger, viel universeller einsetzbar, viel realistischer. Er hat viele Namen, man könnte ihn die Gewinnung subjektiver Überzeugungen nennen oder schlicht und einfach auch Glaube.

Ich meine damit nicht nur den Glauben an Gott. Es handelt sich dabei um einen Erkenntnisprozess, der uns das Zurechtkommen im Alltag erst ermöglicht. Die wenigsten Erkenntnisse sind wissenschaftlich exakt. Viele können es aus ganz praktischen Gründen nicht sein, andere dürfen es sogar gar nicht sein, weil sie sich dadurch selbst entwerten würden. Dieser Erkenntnisprozess ist gegenüber der Naturwissenschaft nicht minderwertig, er ist nur anders. Er hat auch einen anderen Anwendungsbereich. Und es ist wichtig zu wissen, wann man welchen Erkenntnisprozess anzuwenden hat.

Der Verzicht auf die naturwissenschaftliche Denkweise mag höchst dumm sein und uns in die Steinzeit zurückkatapultieren. Der (konsequent zu Ende geführte) Verzicht auf Glauben als Denkweise dagegen macht lebensunfähig führt geradewegs in die Psychatrie. Und die richtige, angemessene Verwendung beider Denkweisen führt uns zur Erkenntnis Gottes. Davon bin ich überzeugt.

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Restrisiko

25. Oktober 2009

Das „Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden“ sammelte vor etwa einer Woche in Stuttgart so genannte Killerspiele. Es hatte dazu einen großen Container aufgestellt, in den man die Spiele werfen konnte, um sie der Vernichtung zuzuführen. Das Bündnis wollte damit auf seine Forderung nach demVerbot von „Computer-Killerspielen“ hinweisen.

Der unmittelbare Erfolg der Aktion war eher bescheiden, wie dieses Video zeigt:

Bis zum Ende der Aktion sollen es noch etwa zwei Dutzend Spiele geworden sein.

Ich möchte mich weiterer Häme enthalten, immerhin handelt es sich bei den Mitgliedern des Aktionsbündnisses um Angehörige der Opfer. Was die Aktion jedoch deutlich zeigt, ist die Hilflosigkeit, mit der auch und gerade die Betroffenen dem Phänomen Amoklauf gegenüberstehen.

Das Jahr 2009 hat uns bereits zwei Schul-Amokläufe gebracht, einen in Winnenden am 11. März und einen in Ansbach am 17. September. Beide haben nicht nur unsägliches Leid über die Opfer bzw. deren Hinterbliebenen gebracht, sie haben auch eine große Diskussion in der Gesellschaft angestoßen.

Amokläufe haben viel gemeinsam mit Terroranschlägen. Nicht nur dass sie meist geplant sind und häufig viele Opfer fordern. Beide Verbrechen richten sich in erster Linie gegen völlig unbeteiligte. Dass es unschuldige trifft, ist kein Versehen und auch kein Nebenprodukt der Tat. Nein, gerade das (weitgehend) wahllose Töten ist Programm, ist Kernpunkt des Tatgeschehens.

Das trifft allerdings unser Sicherheitsbedürfnis bis ins Mark. Wenn ganz normale Schüler an einer ganz normalen Schule fürchten müssen, ohne erkennbare Vorwarnung einfach so ermordet zu werden, kann sich keiner mehr sicher fühlen. Es ist, als wäre ein Stück Unschuld für immer verloren gegangen. Zurück bleibt Ohnmacht und Hilflosigkeit.

Nüchtern betrachtet ist das natürlich Unsinn. Das Risiko, bei einem Amoklauf getötet zu werden, ist verschwindend gering. Die größten Gefahren für Leib und Leben dürften für Schüler der Straßenverkehr auf dem Schulweg mit sich bringen. An zweiter Stelle der Todesursachen in der Schule stehen entweder Drogen oder Suizid wegen Mobbing. Bei aller Dramatik und bei allem Respekt vor den Opfern gehören Amokläufe an deutschen Schulen in der Summe zu den kleineren Problemen.

Was uns dabei so sehr trifft, ist das Versagen der üblichen Verdrängungsmechanismen. Wir leben in einem Land, in dem die meisten Menschen im hohen Alter sterben, „alt und lebenssatt“, wie die Bibel das nennt. Das lässt uns leicht vergessen, dass Leben immer gefährdet ist. Und nebenbei verschiebt es unsere Prioritäten.

Die meisten von uns sind in der Gewissheit aufgewachsen, dass jeder einzelne Mensch zählt, und dass das Leben eines jeden einzelnen Menschen geschützt werden muss. Das ist wahr, aber keinesfalls selbstverständlich. Das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit steht an prominenter Stelle, nämlich in Artikel 2, Absatz 2, in unserem Grundgesetz. Bis dorthin hat es einen sehr langen Weg zurückgelegt. Und es ist längst noch nicht überall in unserer Gesellschaft angekommen. Es gibt immer noch Menschen, die gegen dieses Recht verstoßen, mehr noch, Menschen, für die dieses Recht nur einen geringen oder gar keinen Stellenwert hat. Zwar sind das immer weniger (die Fallzahlen sind bei den meisten Gewalttaten seit Jahren rückläufig), aber jeder Einzelfall ist natürlich einer zu viel. Das gilt auch und insbesondere für Amokläufe an Schulen.

Das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit ist ein hohes Recht, allerdings ist es nicht das höchste. Das sahen auch die Väter und Mütter des Grundgesetz so, die das Recht zur freien Entfaltung der Persönlichkeit, allen voran aber die Würde des Menschen und ihre Unverletzlichkeit noch vor Leben und körperliche Unversehrtheit gesetzt haben. Ein Gedanke, der gerade uns Christen keinesfalls fremd sein sollte, auch wenn wir es vielleicht anders formulieren, anders gewichten würden. Es gibt Überzeugungen und Werte, für die es sich zu sterben lohnt. Und es gibt Schicksale und Konsequenzen, die schlimmer sind als der Tod.

Menschen, die diese Ansicht berechtigterweise in die Tat umgesetzt haben, nennen wir Märtyrer. Und man muss kein Christ sein, um die Entscheidungen von Märtyrern zu respektieren und die dahinter verborgene Lebensleistung anzuerkennen. Aber man muss die Schranken des Wertes von Leben und körperlicher Unversehrtheit akzeptieren. Setzen wir diesen Wert absolut, degradieren wir den Märtyrer zum dummen Trottel, der seine Prioritäten auf fatale Weise nicht richtig zu setzen wusste.

Prioritäten: Der Begriff ist schon gefallen. Es geht um den Stellenwert von Werten und Überzeugungen. Es ist nun mal so, dass man persönlich und auch in der Gesellschaft immer wieder zwischen verschiedenen Rechten und Überzeugungen abwägen muss. Der Wert, alles Leben zu schützen, muss eine sehr hohe Priorität haben, aber er darf nicht die höchste haben. Mit anderen Worten: Es gibt Situationen, in denen wir in Kauf nehmen müssen, dass unschuldige Menschen sterben.

Hundertprozentige Sicherheit ist — wenn überhaupt — nur zum Preis von hundertprozentiger Unfreiheit zu erreichen. Das wird bei kaum einen Beispiel so deutlich, wie bei den Schul-Amokläufen. Gäbe es ein einfaches oder zumindest praktikables Mittel gegen diese Taten, es wäre längst umgesetzt. Aber zu unterschiedlich sind die einzelnen Fälle, zu unvorhersehbar die einzelnen Taten. Gerade in Ansbach wurde immer wieder betont, dass das Gymnasium Carolinum eigentlich gerade nicht der Typ Schule ist, an dem man eine solche Tat erwarten würde.

Natürlich sind manche Vorschläge und Vorstöße zum Thema in erster Linie durch Populismus geprägt. Aber gerade dem Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden kann dieser Vorwurf nicht gemacht werden. Wer kann mehr Interesse an echten, wirksamen Maßnahmen haben, als die Angehörigen der Opfer? Trotzdem muss die Frage erlaubt sein, welchem Wertesystem die vorgeschlagenen Maßnahmen entsprungen sind.

Wir müssen uns mit dem Gedanken eines Restrisikos vertraut machen. Es werden weiterhin Menschen ohne eigenes Verschulden, ohne Vorwarnung, ja sogar in eigentlich sicherer Umgebung ihr Leben verlieren. Und der Preis für eine tatsächliche und effektive Beseitigung des Restrisikos wird objektiv zu hoch sein, auch und selbst wenn der Preis für das Opfer so extrem hoch ist. Jede ernsthafte Diskussion zu diesem Thema gleicht einer Gratwanderung, bei der sich auf beiden Seiten die Abgründe der Menschenverachtung auftun.

Noch viel wichtiger: Wir müssen uns mit dem Gedanken vertraut machen, dass wir in diesem Kalkül jederzeit selbst Opfer werden können — und fast jederzeit selbst Täter. Es gibt keinen sicheren Platz, keine Nische, in die wir uns zurückziehen können. Wo immer wir über Sicherheit diskutieren, müssen wir über Restrisiken diskutieren. Darüber, welche Restrisiken wir bereit sind zu tolerieren und warum. Und auch wenn wir Restrisiken nicht akzeptieren, haben wir über die Gründe Rechenschaft abzulegen.

Die ergebnisoffene Diskussion über Restrisiken gehört dazu, wenn wir über die Vermeidung von Schul-Amokläufen reden. Auch wenn das für die Opfer und Hinterbliebenen bitter und schwer erträglich ist, und wir unbeteiligte gut daran tun, mit einem Höchstmaß an Takt und Einfühlungsvermögen vorzugehen. Die ergebnisoffene Diskussion über Restrisiken gehört auch dazu, wenn wir über viele andere Themen sprechen: über Terrorbekämpfung, über Kernkraft, über Mobilität. Sie berührt die Lebensbereiche aller Menschen. Sie gehört zum Alltag.

Es ist klug, wenn wir versuchen, die Restrisiken im Alltag zu verkleinern. Es ist unklug, die Restrisiken aus unserem Bewusstsein zu verbannen.

Absonderlichkeiten

16. August 2009

Parteiungen und Spaltungen innerhalb der Christenheit sind schon fast so alt wie die Christenheit selbst. Der Leib Christi präsentiert sich heute als bunter Strauß unterschiedlicher Kirchen, Gemeinden und Denominationen. Die Lage ist zuweilen recht unübersichtlich. Sie wird auch dadurch nicht einfacher, dass die Bibel bloße Parteiungen ablehnt, eine deutliche Trennung von Irrlehrern aber ausdrücklich empfiehlt. Wie nur das eine vom anderen unterscheiden?

Lassen wir doch mal Jesus selbst zu Wort kommen. In Matthäus 12, 30 z. B. sagt er: „Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich, und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.“ Die umgekehrte Formulierung findet sich in Markus 9, 40: „Wer nicht gegen uns ist, der ist für uns.“

Beide Aussagen stehen im Zusammenhang mit der Dämonenaustreibung. Im ersten Fall beweist Jesus, dass (erfolgreiche) Dämonenaustreibungen nicht vom Teufel kommen können, sondern immer ein Beleg für göttliche Autorität sind. Im zweiten Fall gilt das sogar, wenn die handelnde Person nicht mal ein Nachfolger Jesu ist. Allein die Berufung auf seinen Namen genügt.

Für das Prädikat „für Jesus“ genügen also zwei schlichte Kriterien: Die Berufung auf den Namen Jesu und das Zurückdrängen der Macht des Teufels. Alle Personen, Werke und Gemeinden, die diese Kriterien erfüllen, haben laut Jesus zumindest eine wohlwollende Duldung verdient.

Die beiden Bibelstellen führen mich direkt zu drei Grundsätze für die Gemeinde Jesu:

  1. Wer „für Jesus“ sein will, muss Jesus in den Mittelpunkt stellen und muss die Gute Nachricht von seinem Kommen verkündigen.
  2. Wer „für Jesus“ sein will, muss das übernatürliche Wirken des Heiligen Geistes erwarten.
  3. Wer „für Jesus“ sein will, darf sein Gehirn nicht ausschalten. Sowohl der verbohrten Selbstgefälligkeit der Pharisäer als auch der anmaßenden Überheblichkeit seiner Jünger begegnet Jesus mit schlichter Logik.

Der geneigte Leser erkennt sicher schon, worauf ich hinaus will. Es geht um die Gute Nachricht, die Gaben des Heiligen Geistes und die Freiheit des Denkens. Wer „für Jesus“ sein will, muss evangelisch, charismatisch und liberal sein. Das ist kein Widerspruch. Das ist die Grundlage eines jeden Dienstes für Jesus.

Problematisch wird es erst, wenn einer dieser drei Grundsätze auf Kosten der anderen überbetont wird. Spätestens wenn einer der drei Grundsätze über Bord geworfen wird, hat man den Boden biblischer Lehre verlassen und ist bei der Irrlehre angekommen.

Und ganz bitter wird es, wenn aus den drei Grundsätzen Kampfbegriffe werden. (Wobei „evangelisch“ hier gern durch den Anglizismus „evangelikal“ ersetzt wird.) Der Liberale lehnt den Evangelikalen als Fundamentalisten ab, der Evangelikale den Charismatiker als Schwärmer und der Charismatiker den Liberalen als Ungläubigen. Und keiner merkt, dass jeder an dem Ast sägt, auf dem er sitzt. Denn durch die Ablehnung des Anderen als Irrlehrer macht sich jeder selbst zum Irrlehrer. Schlimmer noch, man läuft Gefahr, den „für Jesus“-Status zu verlieren. Wer sich um jeden Preis von anderen absondern will, wird schnell absonderlich.

Und was ist mit der Reinheit der Lehre? Zuerst müssen wir anerkennen, dass es sie so in der Praxis nicht gibt. Der Exeget der Bibel tut gut daran, mit dem eigenen Irrtum zu rechnen. Wer seine eigene Fehlbarkeit ausblendet, hat den ersten Fehler schon gemacht.

Gerade deshalb darf man nicht vergessen, wie niedrig Jesus die Schwelle zumindest für eine wohlwollende Duldung setzt. Noch nicht mal Jesus nachzufolgen ist dafür Vorraussetzung. Natürlich sieht das im eigenen Verantwortungsbereich ganz anders aus. Für mangelnde Sorgfalt bei der Bibelauslegung gibt es keine Ausreden.

Zwischen der „wohlwollenden Duldung“ und dem „eigenen Verantwortungsbereich“ gibt es viele Abstufungen von Zusammenarbeit und Unterstützung. Deshalb tut jede Gemeinde und jedes Werk gut daran festzulegen, was sie oder es für die unverzichtbaren theologischen Grundlagen hält. Und die meisten kennen eine solche Festlegung. Meist handelt es sich um Glaubensbekenntnisse, und als solche haben sie eine lange Tradition und sich sehr bewährt. Auch für die übergemeindliche Zusammenarbeit gibt es verbreitete Dokumente wie z. B. das der Evangelischen Allianz.

Und ab da gilt die einfache Regel: Wer bereit ist, sich dem jeweils einschlägigen Dokument zu unterstellen, darf mitmachen. Und wenn dann Gemeinden oder Personen mitmachen, die bisher nicht gerade durch saubere Bibelauslegung aufgefallen sind, heißt das nicht „um so schlimmer für uns“, sondern um so besser für sie“.

Nicht vergessen: Überall wo im Namen Jesu die Macht des Teufels zurückgedrängt wird, wirkt Gott. Und wer möchte sich schon dem Wirken Gottes entgegenstellen?

Kommunikationsherrschaft

17. November 2008

In jedem Blog erscheint über kurz oder lang ein Artikel über Blogs und die Blogosphäre. Heute bin ich dran.

Am Wochenende ging nämlich — wie Jürgen Kalwa formuliert — ein kleines Erdbeben durch die deutsche Blogosphäre. Dabei meine ich nicht den ebenso untauglichen wie dummen Versuch des Herrn Heilmann, die Verbreitung von Wikipedia-Inhalten per einstweiliger Verfügung gegen den Betreiber von wikipedia.de zu verhindern.

Nein, es geht mir um den Fall Zwanziger ./. Weinreich: Der freie Journalist Jens Weinreich hatte den DFB-Präsidenten in einem Blog-Kommentar als „unglaublichen Demagogen“ bezeichnet. Das mag unfein sein, ist aber durch die Meinungsfreiheit gedeckt. Nach erfolglos bestrittenem Rechtsweg wehrte sich der so angesprochene bzw. seine Kollegen aus der DFB-Führungsetage mit einer Pressemitteilung, für deren Inhalt meiner Meinung nach der Begriff „demagogisch“ nur eine von vielen möglichen Beschreibungen ist.

Soweit das übliche Bild: Ein einflussreicher Verband versucht mit all seiner Macht, einen kritischen Journalisten mundtot zu machen, und sich damit die „Kommunikationsherrschaft“ (Zitat Zwanziger) zu sichern. Das Außergewöhnliche: Wenn ihm das nicht gelingen sollte (und das könnte momentan durchaus sein), liegt das an der Blogosphäre. Nicht nur dass Jens Weinreich auf seiner Seite den Fall — natürlich aus seiner Sicht — ausführlichst dokumentiert hat, mittlerweile haben sich so viele Blogger des Themas angenommen, das es sogar mir als bekennender nicht-Fußball-Fan aufgefallen ist.

Die Blogosphäre in Deutschland — oft als relevanzfrei verspottet — probt den Aufstand gegen den journalistischen Mainstream. Ich bin höchst gespannt, ob ihr der gelingt. Sie würde einem internationalen Trend folgen, dass das, was man gemeinhin als Web 2.0 bezeichnet, beständig an Einfluss wächst. Nie war es so einfach, seine Meinung einer großen Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Aus vielen Diktaturen kommen ungefilterte Zustandsberichte nur noch über diesen Weg.

Das Medium Web 2.0 bringt natürlich auch viel hervor, das das Licht der Öffentlichkeit besser nie erblickt hätte. Zwischen all dem Unsinn und Mist muss man die guten Angebote erst mal finden. Ob die systemeigenen Filter- und Auslese-Mechanismen auf Dauer ausreichend wirksam sein werden, bleibt meiner Meinung nach abzuwarten. Aber immerhin fehlt im Web 2.0 das probateste Mittel zur Verbreitung von Minderwertigem: das Monopol.

Das Internet wird jedenfalls mehr und mehr zur Plattform für offene Kommunikation und zur Gefahr für alle, die Kommunikationsherrschaft anstreben. Es kann somit zu einer großen Chance für die Demokratie werden. Es muss nicht, aber es kann.

Bildungschancen

5. Juni 2008

„Wir müssen den Einfluss der Eltern schwächen.“ Das sagt der Soziologe Müller-Benedict im tagesschau.de-Interview.

Der Satz trifft bei mir auf einen Nerv, der schon lange wund ist. Denn er ist, so scheint mir, leider die einzige Antwort auf die Problematik des deutschen Bildungssystems.

Theoretisch ist nämlich in Deutschland der Weg zu höherer Bildung so offen wie in kaum einem anderen Land. Es gibt z. B. kaum teure Privatschulen, wie sie in manchen anderen Ländern fast schon eine Conditio sine qua non für eine höhere Bildung sind.

Eine Besonderheit des deutschen Weges ist die hohe Verantwortung, die den Erziehungsberechtigten zugemutet wird. Hausaufgabenhilfe ist z. B. fast ausschließlich Elternsache. Ein Gedanke, der mir immer gut gefallen hat. Schließlich sollten die Eltern ja am besten wissen, was gut für ihre Kinder ist.

Die Ergebnisse der Pisa-Studie zeichnen leider ein anderes Bild. In kaum einen Land Europas sind die Bildungschancen der Kinder so abhängig von der Bildung der Eltern wie in Deutschland. Das System der Elternverantwortung hat versagt. Und Müller-Benedict hat recht.

Eine Erkenntnis, die mich besonders schmerzt, weil ich ein gutes Beispiel dafür bin, dass es auch anders geht. Meine Eltern muss man wohl in die eher „bildungsferne“ Kategorie einordnen. Trotzdem konnten mein Bruder und ich einen akademischen Abschluss erwerben – und das nicht auch nur eine Sekunde gegen den Willen meiner Eltern. Ganz im Gegenteil: Seit unserer Geburt haben sie z. B. nach Kräften vorgesorgt, dass auch die finanziellen Mittel für ein Studium zur Verfügung stehen.

Leider scheint da meine Familie zu einer Minderheit zu gehören. Und so schade es um die Familien ist, bei denen die Eltern sich so einsetzen, wie meine es getan haben: Im Interesse aller muss offensichtlich den Eltern ein gutes Stück Einfluss entzogen werden.

Das muss dann auch das Ziel einer potenziellen Bildungsreform sein: weniger Einfluss der Eltern. Das ist ein bewusster Schritt weg von dem, wie ich mir und wie viele sich eine ideale Familie vorstellen. Aber es scheint nun mal ein Schritt in Richtung höherer Bildungschancen für alle zu sein.

Faktenlage

6. April 2008

Neulich im Hauskreis lasen wir einen Bericht von einer interessanten theologischen Argumentation. In Johannes 7, 40 – 42 wird diskutiert, wer denn dieser Jesus sei, der in Jerusalem anlässlich des Laubhüttenfestes so beeindruckende Sachen sagte. Einige hielten Jesus für den Christus, den erwarteten Messias. Die Schriftgelehrten waren aufgrund ihrer profunden Kenntnis des Alten Testamentes anderer Meinung. Sie meinen, Jesus könne nicht der Christus sein, weil dieser nach der Schrift aus Bethlehem käme, und Jesus nun mal aus Galiläa sei.

Tja, leider verloren. Auf den Gedanken, das jemand in Bethlehem geboren, in Galiläa aber aufgewachsen sei, sind sie nicht gekommen. Schlecht recherchiert. Auch ein perfektes Verständnis der Bibel ersetzt nun mal nicht die Kenntnis der Faktenlage.

Das erinnert mich an eine Diskussion, bei der es um die Gemeindemitgliedschaft ging, und ob diese, so wie wir sie praktizieren, überhaupt biblisch wäre.

Tatsächlich gibt es im Neuen Testament in den entstehenden Gemeinden keine formale Mitgliedschaft. So weit, so biblisch. Aber was ist mit der Faktenlage?

Die meisten christlichen Gemeinden in Deutschland besitzen die Rechtsform einer nicht-staatlichen Körperschaft des öffentlichen Rechts. Das liegt daran, dass der Staat, also die Bundesrepublik Deutschland, den Glauben an Gott für erstrebenswert hält, sich aber aus Gründen der Religionsfreiheit nicht selbst in diese Dinge einmischen darf. Deshalb bietet er den Religionsgemeinschaften ab einer gewissen Größe diese Rechtsform als Anerkennung ihrer gesellschaftlich wichtigen Arbeit an. Ein Konstrukt, dem wir Christen in Deutschland viele Vorteile und Möglichkeiten verdanken. Dieser Status als K. d. ö. R. setzt neben einer demokratischen Grundorientierung auch ein System der Mitgliedschaft voraus.

Wie war das nun vor knapp zweitausend Jahren? Auch wenn viele Elemente unseres Rechtssystems ihren Ursprung im römischen Recht haben: Dass es im römischen Reich des 1. Jahrhunderts ähnliche Vorstellungen über den Rechtsstatus von Religionsgemeinschaften gab wie heute, mag ich allerdings nicht so recht glauben.

Da stellt sich natürlich die Frage: Welche Möglichkeiten hatten denn nun die christliche Gemeinden im römischen Weltreich des ersten Jahrhunderts? Wenn es damals schon Rechtskörperschaften im heutigen Sinne gab, die Urgemeinde aber diese Organisationsform abgelehnt hat, müssten wir uns natürlich schon fragen, warum wir uns anders organisieren wie die Gemeinde damals.

Und wenn es diese Möglichkeit nicht gab? Die Urgemeinde kann schwerlich eine Rechtsform annehmen, die vielleicht erst Jahrhunderte später erfunden wurde. Aus der Rechtsform der Urgemeinde theologisch etwas für uns ableiten zu wollen, wäre dann (theo)logischer Blödsinn.

Gab es im römischen Reich Rechtskörperschaften? Keine Ahnung. Ich bin kein Rechtshistoriker, und eine kleine Web-Recherche brachte keine brauchbaren Ergebnisse. Die Frage muss ich offen lassen. Dummerweise ist ohne Kenntnis dieses kleinen rechtshistorischen Faktums alles, was wir anhand der Bibel über Gemeindemitgliedschaft sagen wollen, ein Stochern im Nebel.

Aber in einem bin ich mir sicher: Keine Auslegung der Bibel auf eine konkrete Situation kann bestehen ohne die zugehörige Recherche der Faktenlage. Ganz egal, ob es sich im konkreten Fall um geografische, historische, wissenschaftliche oder was auch immer für Fakten handelt. Also: Lasst uns recherchieren!

Osterprogramm

23. März 2008

Laut Spiegel Online haben sich zwei deutsche Bischöfe über das Fernsehprogramm dieser Tage beschwert. Die Auswahl an Spielfilmen bei den privaten Fernsehsendern sei „natürlich auch kein angemessener Umgang mit der Osterbotschaft“.

Mal abgesehen davon, dass (Achtung, Kalauer!) ein Film mit dem Titel „Stirb langsam“ für Karfreitag nicht ganz falsch sein kann: Was erwarten denn die Herren Bischöfe? Monumentale Bibelverfilmungen? Seichte Familienunterhaltung? Jürgen Fliege?

Ich möchte mir gar nicht ausmalen, wie auf manchem Fernsehsender ein inhaltliches Osterprogramm aussehen könnte. Auf eine Aufarbeitung des Ostergeschehens im Stil von „Stern TV“, „Galileo Mystery“ und „Akte — Reporter decken auf“ kann ich gern verzichten. Wie ein Osterprogramm in den Privaten aussehen könnte, haben die Macher von Switch Reloaded überspitzt, aber — wie ich fürchte — durchaus treffend dargestellt. Und was ist so falsch an einem Osterprogramm, an dem gezeigt wird, wie ein Einzelner unter Einsatz seines Lebens andere rettet?

Wer sich unterhalten lassen will, wird offensichtlich zu Ostern von den Fernsehsendern gut bedient. Zur Beschäftigung mit dem, was Jesus für uns getan hat, gibt es sowieso nur eine TV-Alternative: Fernseher ausschalten!