Bischof auf Bewährung

28. Oktober 2013

Vor einigen Tagen entschied Papst Franziskus, dass der Limburger Bischof „eine Zeit außerhalb der Diözese“ verbringen solle. Eine kluge und vielleicht auch ein wenig grausame Entscheidung.

Klug weil der Papst damit einer klerikalen Dolchstoßlegende vorbeugt. Der arme Bischof von einer „Medienkampagne“ erdolcht, die Vorwürfe eine „Erfindung von Journalisten“. So hat sich schon Erzbischof Müller geäußert, und so würden viele konservative Kräfte den ganzen Skandal liebend gerne betrachten.

Die Auszeit eröffnet die Möglichkeit, Vorwürfe durch Fakten zu ersetzen, bevor endgültige Entscheidungen getroffen werden. Da ist der von der Staatsanwaltschaft Hamburg beantragte Strafbefehl wegen falscher eidesstattlicher Erklärung, über den das zuständige Gericht noch nicht entschieden hat. Da sind die Strafanzeigen wegen Untreue, zu denen die Staatsanwaltschaft Limburg noch nicht einmal entschieden hat, ob überhaupt Ermittlungen aufgenommen werden. Und da ist natürlich noch die Prüfungskommission der Deutschen Bischofskonferenz, die erst kürzlich ihre Arbeit aufgenommen hat.

Dass die Medien sich auf jeden neuen Vorwurf und jedes neu bekannt gewordene Detail stürzt, ist ihr Recht und ihre Aufgabe. Der Papst hat sich das Recht genommen und es sich zur Aufgabe gemacht, im Fall Tebartz-van Elst erst dann zu entscheiden, wenn die Fakten offenkundig auf dem Tisch liegen. Das ist nicht nur klug, das ist auch ehrenwert.

Ein wenig grausam ist dies für das betroffene Bistum und die Mitarbeiter dort. Nach Monaten des Chaos kommen Monate in der Schwebe. Das sind keine schönen Aussichten. Leider gibt es in Krisen selten einfache Auswege. Die Bistumsmitarbeiter sind die Hauptleidtragenden, müssen aber gerade deshalb ihren Teil zur Aufarbeitung des Skandals beitragen. Wer will es ihnen verdenken, wenn sich da auch manches an Groll und Bitterkeit aufgestaut hat. Aber Groll und Bitterkeit können sehr hinderlich sein, wenn man im Weinberg des Herrn arbeiten will.

Kommen wir zur Hauptfigur des Skandals. Als Bischof vom Papst auf Eis gelegt zu werden, ist kein schönes Erlebnis, zumal Tebartz-van Elst jetzt aus der Ferne beobachten muss, was andere — Staatsanwaltschaften, Kommissionen, Bistumsmitarbeiter und nicht zuletzt der neue Generalvikar Rösch — aus seinem Lebenswerk machen. Im Bistum wird laut Spiegel Online bereits darüber nachgedacht, die Bischofsresidenz als Obdachlosenheim und Suppenküche zu benützen.

Eine besondere Bedeutung kommt wohl Wolfgang Rösch zu, den Tebartz-van Elst selbst für die Aufgabe des Generalvikar ausgesucht hat. Als Vertreter des Bischofs kann er diesem aus erster Hand davon berichten, wie man im Bistum den Führungsstil Tebarts-van Elsts empfindet. Und als Vertrauter des Bischofs hat sein Wort mehr Gewicht als alle Kritik in den Medien.

Eigentlich sehr gute Voraussetzungen für das, was Tebarts-van Elst jetzt am dringendsten braucht: Dass er sich von Gott den Stolz brechen und Demut lehren lässt. Denn ich vermute, dass nur ein von Grund auf veränderter Mensch Tebarts-van Elst noch eine Chance hat, weiterhin Bischof Tebarts-van Elst zu sein. Und sage bitte keiner, dass das nicht möglich ist. Vielleicht nicht nach menschlichem Ermessen, aber für Gott ist das Alltag. Menschen von Grund auf zu verändern — das macht Gott jeden Tag.

Wer jetzt mit Häme und Schadenfreude an den Bischof auf Eis denkt, hat den Sinn des Ganzen noch nicht verstanden. Denn Stolz brechen und Demut lehren gehören fest zu Gottes Ausbildungsprogramm für jeden von uns. Und wer sich über Tebartz-van Elst überhebt, beweist damit nur, dass er dieses Ausbildungsprogramm besonders nötig hat. Ein bisschen Tebartz-van Elst steckt in jedem von uns — Sowohl was die Krankheit als auch was deren Heilung betrifft.

Advertisements

Minarette und Kruzifixe

20. Februar 2010

Vor über 15 Jahren zog ich zwecks Erlangung eines akademischen Grades aus dem heimatlichen Württemberg ins Bundesland Bayern. Nicht lange danach erließ das Bundesverfassungsgericht seinen Kruzifix-Beschluss, und der Freistaat erzitterte unter einem Sturm der Entrüstung.

Diese Entrüstung war für mich ebenso unverständlich, wie die Entscheidung des Verfassungsgerichtes für mich offensichtlich richtig war. Ich komme aus einer eigentlich recht frommen Gegend. Wir hatten an der Schule einen sehr aktiven Schülerbibelkreis, der von allen Seiten, insbesondere von der Schulleitung stets nach Kräften unterstützt wurde. Zeitweise soll es sogar einen Lehrergebetskreis gegeben haben. Trotzdem wäre die Schulleitung nicht im Traum auf die Idee gekommen, sich in Religionsfragen inhaltlich einzumischen und von offizieller Seite Partei zu ergreifen. Und nichts anderes stellt das Aufhängen spezifisch christlicher Symbole in den Klassenräumen einer öffentlichen Schule dar.

Ich finde es gut, wenn der Staat (wie in Deutschland) „religiöse Betätigung“ großzügig unterstützt. Es ist aber für mich eine Selbstverständlichkeit, dass er sich in inhaltlichen Fragen raushält und keinesfalls Partei ergreift, egal ob für mich oder gegen mich. Das ergibt sich nicht nur aus meinem Verständnis von Religionsfreiheit als Menschenrecht, damit verteidige ich auch meine ureigensten Interessen als Christ.

Es geht ja schon damit los, dass Artikel 7, Absatz 3, Sätze 1 und 2 des BayEUG, in denen die Kruzifixfrage geregelt ist, mit meinem Verständnis des christlichen Glaubens nicht viel zu tun hat. Das ist ganz normal: Wenn der Staat sich christliche Positionen zu eigen macht, sind das sehr selten die Positionen, die von den lebendigen Christen vertreten werden. Wenn es nicht sowieso um reine Machtfragen geht, sind es Traditionen und eher abstrakte Werte, die hochgehalten werden. Und nicht selten hat sich das Staatschristentum mit Unterdrückung und Verfolgung gegen die Nachfolger Jesu gewandt. Ein vom Staat getragenes Christentum hat noch nie funktioniert und ist auch im Neuen Testament so nicht vorgesehen.

Der vieldiskutierte Untergang des christlichen Abendlandes ist in Wahrheit eine Anpassung an die Realitäten. Er mag unseren Dienst als Christen schwieriger machen. Wir sollten aber nicht den Fehler machen, diese sterbenden Traditionen künstlich am Leben zu halten; nicht nur weil es sich dabei um ein Rückzugsgefecht handelt, das dem offensiven Charakter des Evangeliums nicht gerecht wird, sondern weil es Kräfte bindet, die zur Verkündigung lebendiger Wahrheiten viel besser und nachhaltiger eingesetzt wären.

Die normale Position der Christen in einer Gesellschaft ist die einer Minderheit. Das ist nicht schön und noch viel weniger wünschenswert, aber es ist die Realität, und die müssen wir akzeptieren. Mehr noch, wir müssen diese Position aktiv besetzen.

Das gilt auch und gerade angesichts von Diskussionen wie der um die Minarettfrage. Man denke an die vieldiskutierten Volksabstimmung in der Schweiz vor ein paar Monaten, nach der Minarette verboten werden sollen. Dabei handelte es sich nicht um einen Triumph des christlichen Glaubens, sondern um die Niederlage einer religiösen Minderheit. Das kann uns als Christen genau so treffen. Teilweise trifft es uns auch schon, wenn wie in Marburg im vergangenen Jahr starker politischer Druck ausgeübt wurde, um Referentenauswahl und Inhalte eines christlichen Kongresses zu beeinflussen.

Auch wenn wir den Islam in Glaubensfragen nur als unseren Gegner betrachten können: In Fragen der Religions- und Meinungsfreiheit muss es unser Verbündeter sein. Freiheitsrechte sind nicht teilbar. Wenn sie nur für bestimmte Bevölkerungsgruppen und Denkrichtungen gelten, gelten sie gar nicht mehr. Und dieselben Rechte, die für unseren ungehinderten Dienst als Christen wichtig sind, müssen wir auch für andere Glaubensgemeinschaften einfordern.

Diejenigen, die in dem Verzicht auf Minarette gar ein Zeichen von Integration sehen, verwechseln all zu leicht Integration mit Anpassung. Unter dem Deckmantel der Integration wird eine Gesellschaft propagiert, in der das Andere, das Fremde, auch das unbequeme und das Abstoßende keinen Platz hat. Eine solche Gesellschaft läuft Gefahr, ihre kulturelle Kraft zu verlieren. Sie ersetzt tendenziell Ethik durch Tradition. Und sie verliert an Widerstandskraft gegen Machtmissbrauch und Diktatur.

Dabei wird oft vergessen, dass „integrieren“ eigentlich kein reflexives sondern ein transitives Verb ist: Nicht der Fremdling integriert sich in die Gesellschaft, sondern die Gesellschaft integriert den Fremdling in ihrer Mitte. Natürlich muss dafür eine gewisse Bereitschaft vorhanden sein. Und natürlich muss die Gesellschaft auch in der Lage sein zu reagieren, wenn diese Bereitschaft bei Migranten fehlt. Aber der aktive Part bei der Integration kommt den Einheimischen zu. Deshalb ist das Fehlen von Minaretten kein Zeichen erfolgreicher Integration. Der Anteil an Muslimen im örtlichen Gesangs- oder Schützenverein wäre ein viel besseres Maß.

Das friedliche Nebeneinander von Minarett und Kreuz ist kein Verrat an der Bibel. Es ist vielmehr die Anerkennung einer biblischen Wahrheit, nämlich dass wir das, was wir uns von anderen wünschen, auch selbst bieten müssen. Das schließt insbesondere Offenheit und Gesprächsbereitschaft über den Glauben des Anderen mit ein. Es ist ja nicht so, dass wir eine inhaltliche Auseinandersetzung zu fürchten hätten. Religionsfreiheit heißt, dass jeder frei entscheiden darf, an wen oder was er glauben will. Es gibt so viele gute Argumente, sich für Jesus zu entscheiden. Lasst uns auf die schlechten verzichten.

Absonderlichkeiten

16. August 2009

Parteiungen und Spaltungen innerhalb der Christenheit sind schon fast so alt wie die Christenheit selbst. Der Leib Christi präsentiert sich heute als bunter Strauß unterschiedlicher Kirchen, Gemeinden und Denominationen. Die Lage ist zuweilen recht unübersichtlich. Sie wird auch dadurch nicht einfacher, dass die Bibel bloße Parteiungen ablehnt, eine deutliche Trennung von Irrlehrern aber ausdrücklich empfiehlt. Wie nur das eine vom anderen unterscheiden?

Lassen wir doch mal Jesus selbst zu Wort kommen. In Matthäus 12, 30 z. B. sagt er: „Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich, und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.“ Die umgekehrte Formulierung findet sich in Markus 9, 40: „Wer nicht gegen uns ist, der ist für uns.“

Beide Aussagen stehen im Zusammenhang mit der Dämonenaustreibung. Im ersten Fall beweist Jesus, dass (erfolgreiche) Dämonenaustreibungen nicht vom Teufel kommen können, sondern immer ein Beleg für göttliche Autorität sind. Im zweiten Fall gilt das sogar, wenn die handelnde Person nicht mal ein Nachfolger Jesu ist. Allein die Berufung auf seinen Namen genügt.

Für das Prädikat „für Jesus“ genügen also zwei schlichte Kriterien: Die Berufung auf den Namen Jesu und das Zurückdrängen der Macht des Teufels. Alle Personen, Werke und Gemeinden, die diese Kriterien erfüllen, haben laut Jesus zumindest eine wohlwollende Duldung verdient.

Die beiden Bibelstellen führen mich direkt zu drei Grundsätze für die Gemeinde Jesu:

  1. Wer „für Jesus“ sein will, muss Jesus in den Mittelpunkt stellen und muss die Gute Nachricht von seinem Kommen verkündigen.
  2. Wer „für Jesus“ sein will, muss das übernatürliche Wirken des Heiligen Geistes erwarten.
  3. Wer „für Jesus“ sein will, darf sein Gehirn nicht ausschalten. Sowohl der verbohrten Selbstgefälligkeit der Pharisäer als auch der anmaßenden Überheblichkeit seiner Jünger begegnet Jesus mit schlichter Logik.

Der geneigte Leser erkennt sicher schon, worauf ich hinaus will. Es geht um die Gute Nachricht, die Gaben des Heiligen Geistes und die Freiheit des Denkens. Wer „für Jesus“ sein will, muss evangelisch, charismatisch und liberal sein. Das ist kein Widerspruch. Das ist die Grundlage eines jeden Dienstes für Jesus.

Problematisch wird es erst, wenn einer dieser drei Grundsätze auf Kosten der anderen überbetont wird. Spätestens wenn einer der drei Grundsätze über Bord geworfen wird, hat man den Boden biblischer Lehre verlassen und ist bei der Irrlehre angekommen.

Und ganz bitter wird es, wenn aus den drei Grundsätzen Kampfbegriffe werden. (Wobei „evangelisch“ hier gern durch den Anglizismus „evangelikal“ ersetzt wird.) Der Liberale lehnt den Evangelikalen als Fundamentalisten ab, der Evangelikale den Charismatiker als Schwärmer und der Charismatiker den Liberalen als Ungläubigen. Und keiner merkt, dass jeder an dem Ast sägt, auf dem er sitzt. Denn durch die Ablehnung des Anderen als Irrlehrer macht sich jeder selbst zum Irrlehrer. Schlimmer noch, man läuft Gefahr, den „für Jesus“-Status zu verlieren. Wer sich um jeden Preis von anderen absondern will, wird schnell absonderlich.

Und was ist mit der Reinheit der Lehre? Zuerst müssen wir anerkennen, dass es sie so in der Praxis nicht gibt. Der Exeget der Bibel tut gut daran, mit dem eigenen Irrtum zu rechnen. Wer seine eigene Fehlbarkeit ausblendet, hat den ersten Fehler schon gemacht.

Gerade deshalb darf man nicht vergessen, wie niedrig Jesus die Schwelle zumindest für eine wohlwollende Duldung setzt. Noch nicht mal Jesus nachzufolgen ist dafür Vorraussetzung. Natürlich sieht das im eigenen Verantwortungsbereich ganz anders aus. Für mangelnde Sorgfalt bei der Bibelauslegung gibt es keine Ausreden.

Zwischen der „wohlwollenden Duldung“ und dem „eigenen Verantwortungsbereich“ gibt es viele Abstufungen von Zusammenarbeit und Unterstützung. Deshalb tut jede Gemeinde und jedes Werk gut daran festzulegen, was sie oder es für die unverzichtbaren theologischen Grundlagen hält. Und die meisten kennen eine solche Festlegung. Meist handelt es sich um Glaubensbekenntnisse, und als solche haben sie eine lange Tradition und sich sehr bewährt. Auch für die übergemeindliche Zusammenarbeit gibt es verbreitete Dokumente wie z. B. das der Evangelischen Allianz.

Und ab da gilt die einfache Regel: Wer bereit ist, sich dem jeweils einschlägigen Dokument zu unterstellen, darf mitmachen. Und wenn dann Gemeinden oder Personen mitmachen, die bisher nicht gerade durch saubere Bibelauslegung aufgefallen sind, heißt das nicht „um so schlimmer für uns“, sondern um so besser für sie“.

Nicht vergessen: Überall wo im Namen Jesu die Macht des Teufels zurückgedrängt wird, wirkt Gott. Und wer möchte sich schon dem Wirken Gottes entgegenstellen?

Theodizee

10. September 2008

Es soll wieder einmal um eine Grundfrage der Theologie gehen. Eine Frage, mit der sich wohl jeder schon mal beschäftigt hat. Mehr noch: Eine Frage, die vielen — auch mir — auf der Seele brennt.

Auf der einen Seite behaupten wir Christen ja immer, es gäbe einen gütigen, liebenden und auch noch allmächtigen Gott. Auf der anderen Seite gibt es das Leid, viel Leid, immer wieder. Wie passt das zusammen? Oder mit anderen Worten: Wie kann ein liebender Gott Leid zulassen?

Wir müssen gar nicht mal die täglichen Nachrichten bemühen, auch wenn sie uns genug Stoff zum Thema Leid liefern würden. Nein, jeder von uns hat da seine eigenen Nachrichten, auch wenn sie schon etwas zurückliegen mögen, seine eigene Geschichte mit dem, was man Leid nennt. Maß und Tiefe mögen sehr, sehr unterschiedlich sein, aber wenn wir über Leid reden, können wir alle aus eigener Erfahrung reden.

Und was wurde über dieses Thema nicht schon alles geredet! Der Philosoph Leibniz hat dafür den Fachausdruck „Theodizee“ geprägt — zu Deutsch etwa „Gottes Gerechtigkeit“, unter dem es mittlerweile in jedem Lexikon nachzuschlagen ist. Eines davon, die Wikipedia nämlich, listet nicht weniger als 25 Lösungsansätze für die Theodizee-Frage auf.

Was soll man dazu sagen? Ich muss sagen, mich hat keine einzige dieser Antworten überzeugt. Sicher, es sind interessante Ansätze und gute Gedanken dabei. Aber eine Antwort? Eine Lösung? Keine einzige wird auch nur annähernd den großen, oft auch verzweifelten Fragen gerecht, die das Leid in jedem von uns hervorruft.

Ich habe über diese Fragen viel nachgedacht und bin letztlich bei Wikipedia Antwort Nummer 26 gelandet: Es gibt keine. Auf die Frage nach dem Leid gibt es keine schlüssige und verständliche Antwort.

Mir ist diese Erkenntnis sehr wichtig geworden. Nicht weil ich Freude am Geheimnisvollen (besser: an der Ratlosigkeit) habe. Nein, es ist mir wichtig, dass Menschen, die Leid erleben, nicht noch zusätzlich mit einfachen, aber falschen Antworten belastet werden. Ein bisschen Nummer 17 aus der Wikipedia-Liste, und schon wird alles wieder gut. Es ist ja viel einfacher, den Leidtragenden mit billigen Antworten abzuspeisen, als das Leid mitzutragen, eben mitzuleiden. Die Antworten auf die Theodizee-Frage mögen in der Theorie gut klingen — in der Praxis, im Bezug auf ein konkretes Leid kann auch bei bester Absicht kaum mehr als Zynismus übrig bleiben. Es gibt keine Antwort, die dem Praxistest standhält. Davon bin ich fest überzeugt.

Das heißt natürlich nicht, dass man bei der Theodizee-Frage den Verstand an der Garderobe abgeben muss. Auch wenn wir die Hoffnung auf eine Antwort begraben, kann über das Leid noch unendlich viel Weises und Hilfreiches gesagt werden. Einen solchen Versuch möchte ich dann doch wagen. Ob die folgenden Gedanken weise sind, weiß ich nicht. Für mich sind sie aber hilfreich.

In der Schule hat man mir beigebracht, bei Rechenaufgaben die Probe zu machen, d. h. zu überprüfen, ob das Ergebnis denn auch stimmt — oder in späteren Jahren ob es zumindest plausibel ist. So eine Probe kann man auch auf einen Aspekt der Theodizee-Frage machen, nämlich auf die oft implizit enthaltene Forderung, der allmächtige Gott möge doch eine Welt ohne Leid erschaffen. Die Probe ist: Wie würde denn eine solche Welt aussehen?

Nun, zunächst können wir natürlich Welten mit beliebigen Eigenschaften fordern. Die Französische Revolution hat z. B. eine Welt gefordert, die von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit geprägt ist. Das klingt sehr edel, hat aber noch nie funktioniert. Das liegt daran, dass Freiheit und Gleichheit in der realen menschlichen Gesellschaft bis zu einem gewissen Grade konkurrierende Werte sind. Volle Freiheit und volle Gleichheit ist mit der real existierenden Menschheit einfach nicht möglich.

Was ich damit sagen will: Wenn man beliebige Eigenschaften fordert, kommt sehr leicht ein Ergebnis heraus, dass nach menschlicher Logik in sich widersprüchlich ist und jenseits jeder Vorstellungskraft liegt. Die Grenzen der menschlichen Logik und Vorstellungskraft sind vielleicht keine absoluten Grenzen des Möglichen, aber sie sind absolute Grenzen dessen, worüber man vernünftig reden kann. Alles darüber hinaus ist wilde Spekulation. Leider gilt das auch für eine Welt, in der es kein Leid gibt, aber der ganze Rest so ist wie bisher.

Die Probe besteht nun darin zu schauen, welche Konsequenzen es in unserer realen Welt hätte, wenn das Leid wegfallen würde. Mir fallen da zwei ganz wesentliche Dinge ein, die dadurch zwar nicht aufgehoben, aber doch eine massive Abwertung erfahren würden.

Das eine ist die persönliche Verantwortung. Verantwortung rührt daher, dass meine Entscheidungen auf andere einen für diese unabwendbaren Einfluss haben. Das hat so zunächst nichts mit Leid zu tun. In der Praxis besteht dieser Einfluss auf andere oft darin, das Leid anderer Menschen zu vermeiden, abzuwenden oder zumindest zu lindern. Es sind dies meiner Meinung nach nicht nur die Mehrheit der Fälle persönlicher Verantwortung, es sind auch noch die Fälle, die wirklich Gewicht haben. Wenn es kein Leid mehr gäbe, wäre die persönliche Verantwortung kein integraler Bestandteil menschlichen Lebens mehr, sondern nur noch eine kleine, unwichtige Zutat.

Ebenso wie die persönliche Verantwortung ist die persönliche Veränderung hochgradig vom Leid abhängig. Es gibt nicht umsonst in der Psychologie und Medizin den Begriff des Leidensdrucks, der für manche Heilung oder zumindest Linderung zwingende Voraussetzung ist. Auch wenn wir uns das selber nur schwer eingestehen: Viele Veränderungen in unserem Leben, und auch hier sind es wieder die großen und wichtigen, gelingen uns nur, wenn persönliches Leid uns dazu zwingt. Manchmal reicht auch nur die Gefahr von Leid, aber auch die wäre ohne Leid nicht existent. Wenn ich ehrlich bin, muss ich zugeben: Ohne die Erfahrung persönlichen Leids wäre ich ein noch schlechterer Mensch, als ich es ohnehin bin.

Beide Aspekte sind keine Begründung für Leid, keine Antwort auf die Theodizee-Frage. Es sind ja nur begrenzte Beobachtungen zweier Wirkzusammenhänge. Selbst an einer vollständigen Darlegung der Zusammenhänge zwischen solchen umfassenden Konzepten wie Leid, Verantwortung und Veränderung kann man ja nur scheitern. Daraus eine Gewichtung oder gar einen Sinnzusammenhang zu konstruieren, ist unmöglich. Wirkzusammenhang und Sinnzusammenhang sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Die Aussage, es müsse Leid geben, damit es persönliche Verantwortung und Veränderung gibt, ist Unsinn, und ein ziemlich zynischer noch dazu. Aber die Probe ergibt trotzdem: Ohne Leid wären Verantwortung und Veränderung enge Grenzen gesetzt, zumindest solange man sich in den Möglichkeiten des menschlichen Verstandes bewegt. Und da ich nicht aus den Grenzen meines Verstandes kann … (zumindest nicht in der Erwartung, dass dabei noch etwas halbwegs sinnvolles herauskommt.)

Trotzdem empfinde ich persönlich diese Gedanken als hilfreich. Gerade weil es sich um einen Wirkzusammenhang handelt.

Scientology behauptete ja immer in ihren Anzeigen, wir nutzen nur 10 % unseres geistigen Potenzials. Ich glaube nicht, dass das stimmt, Aber ich bin der Meinung, dass der Anteil unseres ethischen Potenzials, den wir nutzen, noch viel geringer ist. Ich habe da noch einen sehr langen Weg vor mir. Und es ist ein ganz wesentliches Ziel meines Lebens, ein besserer Mensch zu werden, Jesus ähnlicher zu werden, ein Mensch nach Gottes Herzen zu werden, fit für die Ewigkeit zu werden, oder wie man das auch immer nennen will. Und wenn ich mit den beschriebenen Zusammenhängen auch nur halbwegs recht habe, wird das nicht ohne Leid gehen.

Das macht für sich noch keinen Sinn des Leids aus. Es entbindet mich auch nicht davon, mich mit dem Leid und dessen Ursachen auseinanderzusetzen. Es macht das Leid auch nicht weniger leidvoll. Und erst recht macht es das Leid nicht erstrebenswert. Aber es verschiebt ein klein wenig die Prioritäten. Und mir hilft das.

Faktenlage

6. April 2008

Neulich im Hauskreis lasen wir einen Bericht von einer interessanten theologischen Argumentation. In Johannes 7, 40 – 42 wird diskutiert, wer denn dieser Jesus sei, der in Jerusalem anlässlich des Laubhüttenfestes so beeindruckende Sachen sagte. Einige hielten Jesus für den Christus, den erwarteten Messias. Die Schriftgelehrten waren aufgrund ihrer profunden Kenntnis des Alten Testamentes anderer Meinung. Sie meinen, Jesus könne nicht der Christus sein, weil dieser nach der Schrift aus Bethlehem käme, und Jesus nun mal aus Galiläa sei.

Tja, leider verloren. Auf den Gedanken, das jemand in Bethlehem geboren, in Galiläa aber aufgewachsen sei, sind sie nicht gekommen. Schlecht recherchiert. Auch ein perfektes Verständnis der Bibel ersetzt nun mal nicht die Kenntnis der Faktenlage.

Das erinnert mich an eine Diskussion, bei der es um die Gemeindemitgliedschaft ging, und ob diese, so wie wir sie praktizieren, überhaupt biblisch wäre.

Tatsächlich gibt es im Neuen Testament in den entstehenden Gemeinden keine formale Mitgliedschaft. So weit, so biblisch. Aber was ist mit der Faktenlage?

Die meisten christlichen Gemeinden in Deutschland besitzen die Rechtsform einer nicht-staatlichen Körperschaft des öffentlichen Rechts. Das liegt daran, dass der Staat, also die Bundesrepublik Deutschland, den Glauben an Gott für erstrebenswert hält, sich aber aus Gründen der Religionsfreiheit nicht selbst in diese Dinge einmischen darf. Deshalb bietet er den Religionsgemeinschaften ab einer gewissen Größe diese Rechtsform als Anerkennung ihrer gesellschaftlich wichtigen Arbeit an. Ein Konstrukt, dem wir Christen in Deutschland viele Vorteile und Möglichkeiten verdanken. Dieser Status als K. d. ö. R. setzt neben einer demokratischen Grundorientierung auch ein System der Mitgliedschaft voraus.

Wie war das nun vor knapp zweitausend Jahren? Auch wenn viele Elemente unseres Rechtssystems ihren Ursprung im römischen Recht haben: Dass es im römischen Reich des 1. Jahrhunderts ähnliche Vorstellungen über den Rechtsstatus von Religionsgemeinschaften gab wie heute, mag ich allerdings nicht so recht glauben.

Da stellt sich natürlich die Frage: Welche Möglichkeiten hatten denn nun die christliche Gemeinden im römischen Weltreich des ersten Jahrhunderts? Wenn es damals schon Rechtskörperschaften im heutigen Sinne gab, die Urgemeinde aber diese Organisationsform abgelehnt hat, müssten wir uns natürlich schon fragen, warum wir uns anders organisieren wie die Gemeinde damals.

Und wenn es diese Möglichkeit nicht gab? Die Urgemeinde kann schwerlich eine Rechtsform annehmen, die vielleicht erst Jahrhunderte später erfunden wurde. Aus der Rechtsform der Urgemeinde theologisch etwas für uns ableiten zu wollen, wäre dann (theo)logischer Blödsinn.

Gab es im römischen Reich Rechtskörperschaften? Keine Ahnung. Ich bin kein Rechtshistoriker, und eine kleine Web-Recherche brachte keine brauchbaren Ergebnisse. Die Frage muss ich offen lassen. Dummerweise ist ohne Kenntnis dieses kleinen rechtshistorischen Faktums alles, was wir anhand der Bibel über Gemeindemitgliedschaft sagen wollen, ein Stochern im Nebel.

Aber in einem bin ich mir sicher: Keine Auslegung der Bibel auf eine konkrete Situation kann bestehen ohne die zugehörige Recherche der Faktenlage. Ganz egal, ob es sich im konkreten Fall um geografische, historische, wissenschaftliche oder was auch immer für Fakten handelt. Also: Lasst uns recherchieren!

Geistliche Musik

30. Dezember 2007

Es ist an der Zeit, mal wieder eine neue Rubrik aufzumachen …

„Geistliche Musik“ war der Titel eines Buches, das ich vor Jahren mal in die Finger bekommen habe. Der Autor warf — weitgehend unbehindert durch Fachkenntnis — fast sämtliche zu seiner Zeit modernen Musikstile in einen großen Topf, rührte kräftig um und servierte dieses ungare Ragout als satanisch durchdrungen. Wir haben seinerzeit das Buch zusammen mit einigen anderen in eine Art literarischen Giftschrank verbannt. Ich hoffe, es ist mittlerweile vernichtet worden.

Die Frage an sich wird ja immer wieder aufgeworfen: Gibt es Musikrichtungen, die man als Christ meiden muss? Als Kandidaten dafür wurden ja schon so unterschiedliche Stile wie Oper, Marschmusik, Schlager, Rock ’n’ Roll und Heavy Metal angegeben. Es ist nicht einfach zu sehen, was diese Musikrichtungen gemeinsam haben sollen.

Auch wenn man es zu Zeiten von „Deutschland sucht den Superstar“ nicht mehr so recht vorstellen mag, Musik ist und bleibt eine Kunstform, und als solche ist sie wie jede Kunstform hochgradig abhängig von der Kultur, in der sie entsteht. Das zeigt schon ein Blick in die Vergangenheit: Die Musik des späten 19. Jahrhunderts, die in unseren Ohren romantisch und weich klingt, wäre für die Menschen des 17. Jahrhundert dissonant und schwer erträglich gewesen. Umgekehrt war Moll im 17. Jahrhundert das Tongeschlecht für romantische Gefühle und durchaus für Liebeslieder geeignet. Heute empfinden wir Moll als eher traurig und würden die Ode an die geneigte Angebetete doch eher in Dur komponieren.

Musik ist kulturgebunden und nur aus der jeweiligen Kultur heraus zu verstehen. Das gilt insbesondere für Musikstile, die sich in einer Subkultur gebildet haben. Der verantwortungsvolle, leicht spießige Familienvater fortgeschrittenen Alters (das Material, aus dem üblicherweise Gemeindevorstände zusammengesetzt sind) kann z. B. Punk Rock als Musikrichtung nicht verstehen, weil er (naturgemäß) keinen Zugang zur Punk-Kultur hat. Deshalb ist er auch nicht qualifiziert, ein Urteil über die geistliche Qualität von Punk Rock abzugeben. Das ist jetzt ein bisschen böse formuliert, aber man darf nicht vergessen, dass man nur das beurteilen kann, worin man sich auskennt. Eine schlichte Tatsache, die gerade in der einschlägigen Literatur über Musik aus christlicher Sicht oft ignoriert wird.

Reden wir über Inhalte. Eigentümlicherweise ist die Musik selbst im Gegensatz zu anderen Kunstformen nicht dazu in der Lage, unbekannte Inhalte zu transportieren. Besonders deutlich wird das in der Programm-Musik des späten 19. Jahrhunderts. In kaum einer anderen Musikrichtung werden Inhalte deutlicher durch bloße Musik vermittelt. Dennoch ist z. B. die Moldau von Smetana nur mit einer soliden Portion Hintergrundwissen an Geographie, Kultur und Politik zu verstehen. Und auch Richard Strauß’ „Till Eulenspiegels lustige Streiche“ erscheint ohne Kenntnis der literarischen Figur des Till Eulenspiegel zusammenhanglos und banal. Der Transport von Inhalten über Musik kommt nie ohne bereits vorhandenes Wissen beim Hörer aus. So etwas wie satanische Musik kann es deshalb ebenso wenig geben wie christliche Musik, humanistische Musik oder buddhistische Musik. Das Medium Musik allein kann solche komplexen Inhalte nicht transportieren.

Natürlich kann Musik Gefühle und Stimmungen ausdrücken oder über Assoziationen wirken. Aber das ist hochgradig abhängig von der musikalischen Vorbildung und hör-Erwartung des Zuhörers. Jeder Mensch interpretiert unbewusst oder bewusst Musik mit der von ihm gewohnten musikalischen Formensprache. Die gleichen Werke der klassischen Musik können bei Hörern unterschiedlichen kulturellen Hintergrundes höchste Spannung oder tödliche Langeweile auslösen. Manche Bereiche der Rockmusik machen den einen aggressiv und versetzen den anderen in Partystimmung.

Apropos Aggressivität: Dem Heavy Metal wird oft vorgeworfen, dass er genau diese Stimmung transportiere. Dass das für — sagen wir mal — den typischen Schlagerhörer der Fall ist, sei unbestritten. Aber welche Gefühle drückt diese Musik im kulturellen Hintergrund des typischen Metal-Hörer aus? Da ich nicht dieser Gruppe angehöre, muss ich die Frage offen lassen. Vielleicht kann mir da jemand weiterhelfen …

Aber selbst wenn: Wieso soll es denn keine Musik geben, die Aggressivität ausdrückt? Immerhin handelt es sich dabei um eine zwar unschöne, aber nun mal weit verbreitete Eigenschaft des Menschen. Und wenn die Kunst den Menschen ernst nimmt, muss sie auch bereit sein, das ganze Spektrum menschlichen Daseins auszudrücken. Ich halte nichts von einem Kunstbegriff, der nur das schöne, lehrreiche und wünschenswerte propagiert. Ein solcher Kunstbegriff würde auch solche Werke wie Edvard Munchs „Der Schrei“ ausklammern. Ein Gemälde, das wohl kaum als „schön“ bezeichnet werden kann, das aber aufgrund seiner Ausdrucksstärke zurecht zu den größten Meisterwerken der Malerei zählt. Auch in der Musik müssen solche Ausdrucksformen und Inhalte erlaubt sein. Nicht zuletzt, weil es besser ist, diese stachligen, aber menschlichen Gefühle über die Kunst auszudrücken und damit vielleicht zu überwinden, als dass sie über andere Wege unvermittelt hervorbrechen.

Wo ist nun eine Grenze zu ziehen? Gibt es überhaupt Musik, die Christen meiden sollen? O ja, die gibt es! Aber wir werden wieder einmal zurückgeworfen, auf das Pauluswort (in 1. Korinther 10, 23), dass zwar alles erlaubt sei, aber nicht alles zum Guten diene. Je größer die Unterschiede der Kulturen, desto größer die Unterschiede dessen, was man sich zumuten mag, und wovon man besser die Finger (oder die Ohren?) lassen sollte. Und die Unterschiede sind groß. Versteht etwa der Bach-Liebhaber den Metaler oder der Hip-Hopper den Punk-Rocker? Jeder muss für sich Grenzen setzen. Da gibt es keine Ausreden. Aber diese Grenzen können nur innerhalb der jeweiligen Kultur oder Subkultur richtig sein.

Zwei Schlussbemerkungen seien mir erlaubt: Erstens habe ich hiermit noch nichts über die Texte gesagt. Das ist ein eigenes Thema und gehört eher in den Bereich der Literatur als den der Musik. Und zweitens: Ja, ich halte Metal, Hip-Hop, Punk-Rock und Techno für Kunst. Die künstlerische Schöpfungshöhe ist bei manchen Künstlern dieser Stilrichtungen erstaunlich groß. Größer als bei den meisten Werken, die sich in christlichen Liederbüchern finden.

Cargo-Kult-Exegese

15. November 2007

Nein, dies ist nicht der Versuch, möglichst viele Fremdwörter in eine Überschrift zu packen.

Es geht vielmehr um ein gewisses Unbehagen, das mich zuweilen beschleicht, wenn über biblische Lehre diskutiert und um biblische Wahrheit gerungen wird, und zwar insbesondere dann, wenn dabei Bibelstellen zitiert werden.

Nun bin eigentlich der Meinung, dass sich jede christliche Lehre doch gefälligst an der Bibel zu orientieren habe. Dennoch finde ich mich bei Diskussionen meist auf der Seite derer wieder, die keine Bibelstellen zur Untermauerung ihrer Meinung zu zitieren wissen. Das mag zum Teil an der allgemeinen Verstockung des menschlichen Herzens gegen göttliche Wahrheiten liegen. Aber was da mit Hilfe von Bibelstellen vertreten wird, ist leider nicht immer göttliche Wahrheit. Kann es denn sein, dass jemand seine Meinung mit Bibelstellen begründet und trotzdem falsch liegt?

O ja, es kann!

Das fängt schon damit an, dass die Bibel einfach ein ziemlich dickes Buch ist. Verschiedene christliche Sekten beweisen täglich, dass man durch geschicktes betonen und weglassen von verschiedenen Bibelstellen selbst den größten Unsinn biblisch belegen kann. Und der „Bibelcode“ zeigt, welche Tricks man mit der Bibel aufgrund ihres Umfangs machen kann.

Dazu kommt, dass die Bibel keinesfalls immer leicht zu verstehen ist. Was Petrus in 2. Petrus 3, 15.16 über Paulus schreibt, kann jeder nachvollziehen, der sich schon mal ernsthaft mit z. B. dem Römerbrief beschäftigt hat. Und manche Abschnitte der Bibel sind — wie Jesus selbst in Matthäus 13, 13 ausführt — bewusst und mit voller Absicht nicht für jeden verständlich.

Trotz dieser Schwierigkeiten haben sich über Jahrhunderte viele Theologen und Laien intensiv mit der Bibel beschäftigt und dabei viele wichtige und nützliche biblische Wahrheiten entdeckt. Und gerade wegen dieser Schwierigkeiten haben die besten unter ihnen dies mit sehr großer Sorgfalt, beeindruckendem Wissen über die Bibel als Ganzes und die Zeit ihrer Entstehung und nicht zuletzt unter Beachtung allgemein anerkannter Regeln der Bibelauslegung gemacht. Die Ergebnisse dieser Vorgehensweise sind häufig so „zwingend biblisch“, dass man gar nicht anders kann, als zuzustimmen.

Diesen Vorbildern der Exegese muss man nacheifern. Das Ergebnis ist aber nicht billig zu haben. Ohne Sorgfalt, Fachkenntnis und Augenmaß wird aus der biblischen Exegese ein bloßer Schein. Und wer das Zitieren vermeintlich einschlägiger Bibelstellen mit biblischer Lehre verwechselt, betreibt im Grunde Cargo Kult:

Während des zweiten Weltkriegs baute die amerikanische Armee Stationen auf einigen abgelegenen Inseln im Südpazifik auf. Für die Bewohner war es der erste Kontakt mit der westlichen Zivilisation, und die Waren, die von den amerikanischen Flugzeugen gebracht wurden, waren für sie unermessliche Reichtümer, die nur von den Ahnen stammen konnten. Als die Amerikaner nach dem Krieg wieder abzogen und ihre Reichtümer mitnahmen, versuchten die Ureinwohner diese „Flugzeuge der Ahnen“ selbst herbeizurufen. Sie schnitzten sich Kopfhörer aus Holz und setzten sich in selbst gebaute „Tower“ neben selbstgebauten „Landebahnen“ samt Leuchtfeuer. Zu ihrem großen Erstaunen blieben die Flugzeuge trotzdem aus.

Das Verhalten der Inselbewohner mag uns lächerlich erscheinen, ist aber in anderem Zusammenhang auch bei uns weit verbreitet. Der amerikanische Physiker Richard Feynman verwendete Cargo Kult zuerst als Metapher und wies damit auf Missstände im Wissenschaftsbetrieb hin.

Aber auch auf den Umgang mit der Bibel lässt sich der Begriff gut anwenden. Statt uns mit der harten Arbeit der biblischen Exegese zu beschäftigen, bleiben wir bei unseren vorgefassten Meinungen (wie die Inselbewohner beim Ahnenkult) und versuchen, durch selbst zurechtgeschnitzte Bibelzitate, die wir wie Artefakte (oder gar Fetische) vor uns hertragen, die „große biblische Überzeugungskraft“ für uns herbeizurufen. Ich nehme mich da selbst nicht aus. Zu leicht fällt man in diese Falle.

Beispiel gefällig? Gelegentlich hört man die Meinung, dass Phänomene wie Sprachengebet oder Prophetie nur auf die Urgemeinde beschränkt waren und nach Verfügbarkeit des vollständigen biblischen Kanons verschwanden, weil angeblich keine Notwendigkeit mehr dafür bestand. Als biblische Begründung dafür muss der erste Korinterbrief, Kapitel 13, die Verse 8 bis 10 herhalten. Ich habe Christen erlebt, die diese These mit großer Überzeugung (und gelegentlich einem fanatischen Feuer in den Augen) aufgrund dieser Bibelstelle als biblische Wahrheit verkündet haben. Bei genauerer Analyse zerkrümelt einem die angebliche biblische Wahrheit zwischen den Fingern:

  1. Die These wird vom Neuen Testament als Ganzes nicht gestützt. (Es sei denn, man unterstellt Paulus an anderer Stelle bitterste Ironie!) Auf einer einzelnen Bibelstelle kann man keine Lehre aufbauen.
  2. Es handelt sich nicht um die einzige mögliche Interpretation. Mit dem Zeitpunkt, bei dem Prophetie und Zungenrede verschwinden, kann auch die Wiederkunft Jesu gemeint sein.
  3. Der Zeitgeschichtliche Zusammenhang spricht gegen die These: Paulus lebte nicht in einer Erwartung eines wie auch immer gearteten biblischen Kanons, er lebte vielmehr in der baldigen Erwartung der Wiederkunft Jesu. Wenn er also von einem einschneidenden Ereignis in (vielleicht naher) Zukunft schreibt, kann er nur die Wiederkunft Jesu gemeint haben.
  4. Selbst der unmittelbare Textzusammenhang (Vers 12) spricht eindeutig gegen die These: Bisher hat noch kein Mensch Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen, und dass ich Gott durch die Bibel genauso erkennen kann, wie er mich kennt, das wird doch wohl kein Christ ernsthaft behaupten wollen.

Von der angeblichen biblischen Lehre bleibt nur noch ein wenig Cargo Kult übrig, getrieben vielleicht vom Ahnenkult der Berliner Erklärung.Wir werden um sorgfältiges Prüfen nicht herum kommen. Paulus wünscht, dass „wir nicht mehr unmündig seien und uns von jedem Wind einer Lehre bewegen und umhertreiben lassen durch trügerisches Spiel der Menschen, mit dem sie uns arglistig verführen.“ Und auch nicht, dass wir uns umhertreiben lassen von Menschen, die mit bester Absicht und angeblichen biblischen Belegen einfach nur Unsinn erzählen.